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Öffentliche Sitzung des Gemeinderats am 19. Dezember 2017 - Sorge um den Wald

Forstbewirtschaftungs- und Betriebsplan für 2018 verabschiedet

Das ist die Bildunterschrift

Sorgen bereiten Revierförster Gunter Glasbrenner die dürren Kiefern, hier im Reilinger Eck (Foto: Pfeifer)


Aus betriebswirtschaftlicher Sicht hat das Forstwirtschaftsjahr 2017 in Walldorf das beste Ergebnis seit zwanzig Jahren erreicht. Wie Revierleiter Gunter Glasbrenner noch vor Weihnachten im Gemeinderat berichtete, dürfte sich das Defizit für 2017 von geplanten 97.000 Euro auf etwa 50.000 Euro verringern.


Als positiven Grund hierfür nannte er „die extrem hohe Leistungsfähigkeit unserer jungen, hochmotivierten Forstwirte“. Der weniger erfreuliche Grund liegt in der erhöhten Zahl abgestorbener Bäume in allen Distrikten des Stadtwaldes, die gefällt werden mussten und zu einer umfangreicheren Holzernte beitrugen. Mit Blick auf das vorangegangene Forstwirtschaftsjahr 2016 berichtete Glasbrenner von einem um 2.000 Festmeter erhöhten Holzeinschlag, der durch sogenannte „zufällige Nutzungen“ entstanden war. Damit sind Dürrhölzer und absterbende Bäume gemeint. Da diese sich 2016 im gesamten Stadtwald befanden, wurden fast alle Waldwege durch die Holzerntearbeiten in Mitleidenschaft gezogen und mussten wieder instand gesetzt werden. Mehr Holz bedeutete in diesem Fall aber keineswegs höhere Erlöse. Die schlechte Holzqualität sorgte für geringere Einnahmen im Holzverkauf, so dass 2016 ein erhöhtes Defizit von 20.000 Euro zu verzeichnen war. Der Bewirtschaftungs- und Betriebsplan für 2018, dem der Gemeinderat am 19. Dezember einhellig zustimmte,  rechnet wiederum mit einem Defizit von 94.000 Euro.

Die „Waldlupe“, das beliebte Waldklassenzimmer bringt Kindern Wald und Natur nahe (Foto: Pfeifer)

Unsicherheitsfaktor Waldschäden

Sebastian Eick, Leiter des Forstbezirks Rheintal, bestätigte dem Gemeinderat, dass „die dramatische Zuspitzung der Waldschäden“ ein großer Unsicherheitsfaktor bleibe. Hätte es früher im Jahr rund 23 Prozent solcher zufälliger Nutzungen gegeben, lägen diese inzwischen bei 40 Prozent. Inzwischen zeigten, so Eick, vor allem die Kiefernbestände deutliche Schäden, die sich auch fühlbar wirtschaftlich auswirkten. Als Ursachen des „sehr schlechten Vitalitätszustandes“ des Stadtwalds nannte er den Klimawandel und vor allem den trockenen Sommer des Jahres 2015. Die Zunahme der gefräßigen Maikäferengerlinge und der unerwünschten Neophyten, wie zum Beispiel der Kermesbeere und der spätblühenden Traubenkirsche, die heimische Pflanzenarten verdrängen, nannte er als weitere Ursachen dafür, dass es nicht mehr gelinge, einen neuen stabilen Wald aufzubauen. „Auch die Naturverjüngung funktioniert nicht mehr, da die Kiefern keine Samen mehr haben“, erklärte Eick. Dies sei auch ein wesentliches Thema der Forsteinrichtungserneuerung für die nächsten zehn Jahre ab Januar 2019. Der Forstbezirk Rheintal setzt dabei auch auf die Expertise der Forstlichen Versuchsanstalt Freiburg, um beispielsweise bei der Anpflanzung von Bäumen neue Wege zu gehen. Die Palette der Baumarten könnte auf Arten wie Zeder, Schwarzkiefer und mediterrane Eichenarten ausgeweitet werden. Revierförster Gunter Glasbrenner berichtete zu diesem Thema, dass die Aufforstung im Gewann Schlangenwedel „nicht einfach“ sei. Neben Maikäferengerlingsfraß, Mäusefraß und Wildverbiss beeinträchtigen noch weitere Umweltfaktoren wie Klimawandel, unterdurchschnittliche Niederschläge, nährstoffarmer Sandboden und Schadstoffeinträge den Anwuchserfolg. Man bessere nach mit Eichen, Esskastanien und Spitzahorn als zusätzlichen Mischbaumarten.  Bei der Jungbestandspflege im Gewann Säuhans sei man „noch etwas im Rückstand“, so Glasbrenner. Im Laufe des Jahres 2018 werde hier aber aufgeholt.

Erfolgsprojekt Waldweide

Als absolutes Erfolgs- und Vorzeigeprojekt konnte Gunter Glasbrenner die Waldweide im Reilinger Eck loben. Dank des begleitenden Monitorings sei festgestellt worden, dass sich fünf landesweit als stark bedroht geltende Pflanzenarten, wie zum Beispiel das Sandveilchen, wieder hier angesiedelt hätten. Auch das „extrem seltene kahle Ferkelkraut“ wurde gesichtet, weiterhin zwölf Heuschreckenarten, von denen drei gefährdet sind.

Die Waldweide im Reilinger Eck charakterisierte der Revierförster als „Erfolgsprojekt“, seltene Pflanzen haben sich dank des Appetits von Schafen und Eseln wieder angesiedelt (Foto: Burkhardt)

„Die Arbeit hat sich wirklich gelohnt“, freute sich Glasbrenner, der die Waldbeweidung in bewährter Form – auch mit den vier Eseln, die 2017 erstmalig zum Einsatz kamen – fortführen möchte. Das Naturschutzprojekt am Maulbeerbuckel, das auf Walldorfer Gemarkung neben dem Saupfergbuckel zu den Hotspot-Gebieten des Bundesprogramms zur Förderung der biologischen Vielfalt gehört, wird mit Unterstützung der Waldschule auch 2018 weitergeführt. Ausschließlich Positives gab es auch zur Waldpädagogik zu melden. Sabrina Ehnert, die seit März 2016 als Waldpädagogin tätig ist, leiste „hervorragende Arbeit“, so Glasbrenner. Durch die Erhöhung ihrer Arbeitszeit habe man das Angebot der Waldpädagogik sowohl qualitativ als auch quantitativ intensivieren und ausbauen können.

Neuorganisation

Sebastian Eick sprach noch kurz die Neuorganisation des Forstes an, die durch den Kartellrechtsstreit in den Fokus gekommen ist. Beim Bundesgerichtshof läuft das Widerspruchsverfahren, dessen Verhandlung Eick im April erwartet. Wie der Zuschnitt der Reviere sich ab 1. Juli 2019 verändern wird, steht noch nicht fest. In jedem Fall dürfte dann das Ende „des einheitlichen Forstamts“ eingeläutet werden. Je mehr Reviere in einem Verbund zusammengeschlossen seien, desto besser könnten die „Overheadkosten“ verteilt werden, gab Eick zu bedenken. Bürgermeisterin Christiane Staab erklärte, dass dies alles erst noch mit der Politik und den Nachbarkommunen „behutsam“ besprochen werden müsse.

Klimastabile Wälder schaffen

Voll des Lobes für die Arbeit von Revierförster Gunter Glasbrenner und seiner Crew waren alle Rednerinnen und Redner der Fraktionen. Die „vorbildliche Bewirtschaftung und die Waldpädagogik“ lobte Stadtrat Dr. Gerhard Baldes (CDU) in seiner Stellungnahme. „Wo alles bestens läuft, stehen strukturelle Änderungen vor der Tür“, meinte er und hoffte bei allen Risiken, auch „Chancen ergreifen zu können“. Die „bedenkliche Entwicklung bestimmter Baumarten“ müsse man durch andere Baumarten auffangen, können, damit den Erben keine „Blößen“ überlassen würden.

Waldpädagogin Sabrina Ehnert (3. v. links) mit Kindern im Waldklassenzimmer, wo sich Fuchs, Hase und noch einige andere heimische Tiere ein Stelldichein geben und in aller Ruhe betrachtet werden können ... (Fotos: Pfeifer)

Das Geld für das Monitoring der Waldweide und die „mühsame“ Renaturierung empfand er als „gut angelegt“, zumal die Erholungsfunktion des Waldes an erster Stelle stehe. Stadträtin Dr. Andrea Schröder-Ritzrau (SPD) teilte „den Stolz auf die Waldweide“ und sprach sich dafür aus, den „Wald in seinen Sozialfunktionen zu wahren“. Angesichts des Klimawandels müsse man sich auf eine markante Veränderung der Wälder einstellen, so Schröder-Ritzrau, die sie in Walldorf als „fachlich und monetär extrem gut begleitet“ empfand. „Der Wald ist Raum für Freizeit, Erholung und Bildung“, stellte Stadtrat Hans Wölz (Bündnis 90/Die Grünen) fest. Die Waldweide lobte er als „ökologischen Leuchtturm“. Von der Forstlichen Versuchsanstalt erwartete er fachlich qualifizierte Beratung hinsichtlich der standortgerechten Auswahl von Bäumen. „Wir hätten gerne auf eine gutes betriebswirtschaftliches Ergebnis verzichtet, wenn es unserem Traditionsbaum, der Kiefer, besser ginge“, meinte Stadtrat Günter Lukey (FDP). Auch er sah die Zukunft in „klimastabilen Mischwäldern, die sich behaupten können“.

 


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