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Mit Lebensfreude und Musizierlust

(R)Evolution an Rhein und Neckar bei den „Walldorfer Musiktagen“

Das ist die Bildunterschrift
  Die Rathaus-Bühne war in violett-blaues Licht getaucht (Foto: Pfeifer)


Das in violett-blaues Licht getauchte Rathaus-Atrium durfte für die vierte Veranstaltung der diesjährigen „Walldorfer Musiktage“ erneut als stimmungsvoller Konzertsaal fungieren. Gespickt mit allerhand musikalischen Leckerbissen und Raritäten war das Programm zur „(R)Evolution an Rhein und Neckar - Johann Stamitz und die Mannheimer Schule“.


Zu Gast war das Ensemble „Operone“ unter Leitung von Timo Jouko Herrmann, das zusammen mit den Solisten Marja Poppelbaum (Flöte) und Volker Hemken (Bassetthorn) auf beeindruckende Weise Musik aus der Frühklassik zum Leben erweckte. In dieser Zeit, an der Schnittstelle zwischen Barock und Klassik, gingen von der Kurpfalz entscheidende Impulse aus. In der Zeit zwischen 1740 und 1780 entstand am Hofe Carl Theodors, der selbst ein ausgezeichneter Flötist war, die legendäre „Mannheimer Schule“. Kennzeichnend ist der Einzug der Klarinette ins Orchester. Außerdem erhielten die Bläser im Gegensatz zu früher, als sie lediglich zur Verdopplung der Violinen oder zur Stützung der Harmonie dienten, zunehmende Eigenständigkeit.

Der Konzertmeister der kurfürstlichen Hofkapelle, der Komponist und Violinist Johann Stamitz, wird als Begründer der „Mannheimer Schule“ angesehen. Anlässlich seines 300. Geburtstag wurde das Programm mit seiner wunderbaren Sinfonie Es-Dur op. 4, Nr. 6 eröffnet. Die vierzehn Musikerinnen und Musiker des Ensembles „Operone“ musizierten mit frischer Spielfreude, großer Musikalität und beachtlichem Können. Mit sattem Orchesterklang erklang der erste Satz. Gleich zu Beginn wurde eine feine dynamische Gestaltung bemerkbar. Beschwingt traten die Streicher mit den Bläsern in einen anregenden Dialog. Lupenreine und warme Hörnerklänge erfreuten das Publikum. Getragen und dunkler erklang der zweite Satz. Kleine Seufzer-Motive in den Streichern und kantable, wehmütige Melodien waren zu hören. Tänzerisch-beschwingt kam der dritte Satz, ein Menuett, daher. Herrlich übernahmen die Oboen im Duett die Melodie. Der Schlusssatz, ein Presto, sprühte und perlte nur so vor Lebensfreude und Musizierlust. Über eine musikalische Rarität durfte sich das Publikum im Anschluss freuen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Volker Hemken begeisterte am Bassetthorn                                          ... und Marja Poppelbaum an der Querflöte

Franz Anton Pfeiffers Konzert für Bassetthorn und Orchester B-Dur ist zu Unrecht völlig in Vergessenheit geraten. Pfeiffer gehörte der Mannheimer Hofkapelle an, war Komponist und Fagottvirtuose und schrieb sein Konzert ursprünglich für Fagott. Um das neu erfundene Bassetthorn, das zur Klarinettenfamilie gehört, adäquat präsentieren zu können, hatte er eine zweite, revidierte Fassung erarbeitet. Ein besonderer Glücksgriff gelang Herrmann, indem er den Solo-Klarinettisten des Leipziger Gewandhausorchesters, Volker Hemken, engagieren konnte. Hemken, der schon einmal vor zwei Jahren zu Gast bei den „Walldorfer Musiktagen“ war, begeisterte das Publikum restlos. Virtuos, über einen Umfang von drei Oktaven, beherrschte er sein Bassetthorn, eine lange Klarinette in Altlage mit Zusatzklappen und einem metallenen Trichter am Ende. Ein weicher, schmelzender Klang in der Höhe und ein knarzig-dunkler in der Tiefe zeichneten sein Spiel aus. Atemberaubend schnelle Läufe und virtuose Kadenzen beeindruckten. Herrlich kantabel erklangen die Melodien, ungemein differenziert und modulationsreich perlten die Töne. Wunderbar harmonisch und präzise gestaltete sich das Zusammenspiel mit dem Orchester. Besonders der beschwingte, tänzerische letzte Satz mit seiner feinen Streicherbegleitung und der virtuosen Solo-Stimme, seiner plötzlichen Generalpause und seinem grandiosen Schluss begeisterte. Stürmischen Beifall und etliche Bravo-Rufe gab es für diese großartige Leistung.

Das zweite Solo-Instrument im Programm war die Querflöte. Flötistin Marja Poppelbaum, Ehefrau von Hemken und ehemaliges Mitglied des Gewandhausorchesters, war ebenfalls vor zwei Jahren schon einmal in Walldorf. Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Andante für Flöte und Orchester C-Dur KV 315 bezauberte sie das Publikum. In seinem Andante sind die „Mannheimer Manieren“, vor denen ihn sein Vater immer gewarnt hat, deutlich zu spüren. Seufzer, Triller, Vögelchen und Bebungen kommen zahlreich vor. Poppelbaum begeisterte das Publikum mit ihrem weichen und einfühlsamen Spiel. Die auswendig spielende Solistin ging ganz in der Musik auf. Alles klang so natürlich, luftig und heiter. Ihre Flötentöne blühten gesanglich auf, reiche Farbschattierungen und ein beseelter Ton überzeugten. Perfekt gelang das Zusammenspiel mit dem Orchester. Präzise und einfühlsam leitete Herrmann die Musikerinnen und Musiker. Mit Peter von Winters Sinfonie d-Moll hat der Dirigent und Musikwissenschaftler ein ganz außergewöhnliches und in Vergessenheit geratenes Werk in Georg Joseph Voglers „Kurpfälzischer Tonschule“ entdeckt. Seit dem Druck von 1778 ist keine Ausgabe des Werkes mehr erschienen. In Walldorf erklang nun eine moderne Erstaufführung nach der kritischen Edition von Herrmann. Das Werk des Mannheimer Komponisten und späteren Salieri-Schülers ist genial und erinnert an eine Haydn-Sinfonie. Die „Mannheimer Manieren“ sind auch hier sehr gut zu erkennen. Da seufzen die Geigen und das Cello bezaubert mit einer kantablen Melodie. Es kommen Echo-Stellen, dynamische Effekte und zahlreiche Tremoli vor. Lebendig, voller Elan und Esprit spielte sich das Ensemble „Operone“ in die Herzen der Zuhörer. Der Abend endete grandios mit Carl Stamitz´ Konzert für Bassetthorn und Orchester B-Dur. Hemken meisterte die virtuosen Ecksätze des heiteren Werkes des ältesten Sohnes von Johann Stamitz mit Bravour. Wunderbar gesanglich mit unglaublicher Phrasierungskunst brachte er den Mittelsatz, eine liedhafte Romanze zu Gehör. Begeisterten Applaus gab es am Ende für dieses schöne, interessante und außergewöhnliche Konzert.

Carmen Diemer-Stachel

(Foto Volker Hemken: Pfeifer/Foto Marja Poppelbaum: Carmen Diemer-Stachel)


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