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Beglückender Liederabend mit Malte Müller und Marcelo Amaral

Das ist die Bildunterschrift

Ausdrucksstark und mit vorzüglicher Textverständlichkeit gestalteten Malte Müller und Marcelo Amaral den Liederabend in der vollbesetzten Laurentiuskapelle (Foto: Pfeifer)


Für die vierte Veranstaltung der Walldorfer Musiktage hatte sich Timo Jouko Herrmann, Veranstalter und Initiator des Musikfestivals der Stadt Walldorf, etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Ein Liederabend mit Vertonungen von Gedichten von Friedrich Rückert (1788-1866) stand auf dem Programm.


Malte Müller (Tenor) und Götz Payer (Klavier) hatten sich 2017 zusammengefunden, um ein Album mit Rückert-Gedichten aufzunehmen, das gerade erschienen ist. Die zwischen melancholischer Schwermut und großem Überschwang chargierenden Texte des fränkischen Poeten und Sprachwissenschaftlers inspirierten zahllose Komponisten von der Frühromantik bis zur Neuzeit. Ausschnitte aus diesem Album sollte das zahlreich erschienene Publikum an diesem Abend in der Laurentiuskapelle quasi als Premiere erleben.

Leider musste Herrmann gleich zu Beginn mit einer schlechten Nachricht vor das Publikum treten. Payer hatte sich kurz zuvor schwer am Arm verletzt und konnte nicht spielen. In kürzester Zeit musste ein Ersatz gefunden werden, was sich als nicht einfach erwies, denn das Programm war sehr umfangreich und schwer, außerdem gehören viele der Lieder nicht zum allgemein üblichen Repertoire.

Mit dem brasilianischen Pianisten Marcelo Amaral, Professor für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik Nürnberg, konnte ein adäquater Ersatz gefunden werden, worüber sich Herrmann sehr glücklich und dankbar zeigte. Nur wenige Tage blieben dem Pianisten, um den anspruchsvollen Klavierpart einzustudieren und nur zweimal probten die beiden Künstler zusammen. Das Ergebnis konnte sich hören lassen!

Das Publikum zeigte sich restlos begeistert von Amarals virtuosen und feinfühligen Spiel und Müllers ausdrucksstarker und phantastisch artikulierter Stimme. Wunderbar harmonierten die beiden zusammen. Man hatte das Gefühl sie würden schon ewig zusammen musizieren. Mit Vertonungen von Wilhelm Kienzl, eines österreichischen Komponisten und Wagner-Verehrers, wurde der Abend eröffnet. Sein Liederzyklus nach Rückerts „Liebesfrühling“ op. 11, der ganz in Vergessenheit geraten ist und im Druck nicht mehr verlegt wird, wurde dem Dornröschenschlaf entrissen.

Viel „Ungehörtes“ hatte Herrmann in seiner Begrüßung versprochen. Dazu gehörten auf jeden Fall die Kienzl-Lieder. Müllers Spürsinn ist es zu verdanken, dass diese Lieder von tiefer Liebe, zarter Freude und leiser Wehmut mit ihren einfachen und doch anrührenden Melodien wieder erklingen können.

In blau-violettes Licht war die Laurentiuskapelle getaucht. In dieser stimmungsvollen Atmosphäre zogen die beiden Künstler das Publikum gleich mit den ersten Tönen in ihren Bann. Herrlich perlten und sprudelten die Klaviertöne und Arpeggien, umspielten und vertieften die gesungenen Worte, wobei sich Stimme und Musik vollkommen gleichberechtigt gegenüberstanden. Gute Textverständlichkeit und eine klare und klangschöne Stimme zeichnete Müllers Vortrag aus. Das fünfte Kienzle- Lied „Ich lag von sanftem Traum umflossen“, ein wunderschönes Liebeslied geprägt von der Gewissheit, dass die Geliebte die Liebe erwidert, wurde zum Namensgeber der CD und des Liederabends in Walldorf. Im vierten Lied „Komm´ verhüllte Schöne!“ gefielen orientalisch anmutende kleine Klavierzwischenspiele in hohen Lagen, die munter dahinplätscherten.

Müller beeindruckte mit seinem großen Stimmumfang. Bis in die höchsten Tenorlagen sang er absolut klar und weich, ohne Falsett-Stimme. Virtuos und gefühlvoll ließ Amaral, der von der New York Times zum „Liedbegleiter der Superlative“ ernannt wurde, den Flügel klingen. Man konnte die Augen schließen und einfach nur genießen und träumen.

Weitere bekannte und unbekannte Komponisten, die Gedichte Rückerts vertont hatten, folgten. Kurioserweise hatte der fränkische Dichter selbst ein eher distanziertes Verhältnis zur Tonkunst. Er war der Meinung seine Verse seien schon „in sich selbst Musik“ und brauchten nicht das „Tongequik“. Die Poesie war für ihn die Ursprache der Menschheit. Dabei übersah er offensichtlich, dass er einer der meistvertonten deutschsprachigen Dichter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war. Sprachen hatten es ihm neben der Dichtkunst besonders angetan. Am Ende seines Lebens beherrschte der Begründer der deutschen Orientalistik 40 Sprachen fließend.

Von „Tongequik“ konnte in Walldorf natürlich keine Rede sein. Herrlich erklangen zwei Schumann-Lieder. Die „Widmung“ aus der Sammlung „Myrthen“, die Robert Schumann seiner Clara 1841 als Hochzeitsgeschenk überreichte, gehört zu seinen populärsten Liedern. Klang dieses Lied schon fast wie ein Kirchenlied, so gab es in Franz Liszts „Ich liebe dich“ das ganz große Drama nach einem zarten Beginn. Seine Vielseitigkeit konnte Müller hier beweisen und seine Stimme groß und opernhaft erschallen lassen.

Zwischen den beiden bekannten Komponisten erklang wieder eine musikalische Rarität, „Die Perle“ von Robert Franz. Der einst geschätzte deutsche Liedkomponist wurde in einem Atemzug mit Schubert und Schumann genannt. Leider und unverständlicherweise verschwand sein Ruhm schon zu Lebzeiten und ist heute nahezu gänzlich verblasst.

Modest Mussorgskys Vertonung von Rückerts „Abendlied des Wanderers“ erklang ausdrucksstark auf Russisch. Zu Herzen ging Carl Loewes „Des fremden Kindes heil´ger Christ“. Eine echte Entdeckung stelle auch Giacomo Meyerbeers Vertonung „Sie und ich“ dar.

Das Programm beschlossen fünf herrliche Rückert-Lieder von Gustav Mahler, darunter das bekannte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Mit großer Intensität und innigem Gefühl brachten die beiden Künstler diese Lieder von seraphischer Schönheit und intimer Schlichtheit zu Gehör.

Mahler bekannte, dass ihm diese Verse so nahegingen, dass er zuweilen glaube, sie selbst gedichtet zu haben. Einen Exkurs durch die dunkelsten Ecken der menschlichen Seele wagten Müller und Amaral mit dem letzten Lied „Um Mitternacht“. Was anfangs nach einer stillen Idylle klang, entwickelte sich durch aufwärtstreibende Tonleitern zu etwas unbestimmt Bedrohlichem. Dunkel grollte das Klavier, während Müller seine Stimme mächtig und voluminös erschallen ließ.

Das völlig ergriffene und begeisterte Publikum spendete reichlich Applaus und ließ die beiden Künstler erst nach zwei Zugaben- „Aus der Jugendzeit“ von Robert Radecke und „Du bist die Ruh“ von Franz Schubert – ziehen.

Carmen Diemer-Stachel


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