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Weniger ist mehr

Das ist die Bildunterschrift
  Passend zum Thema gaben während der Einkaufsnacht und auch in der Sparkasse T-Shirts Auskunft zur Bekleidungsindustrie


„Der Blick in Ihren Kleiderschrank wird nach diesem Abend ein anderer sein“, war sich Bürgermeisterin Christiane Staab sicher, als sie gemeinsam mit Valeska Haberfellner, Leiterin der Walldorfer Sparkassenfiliale, zu dem Vortrag „Nicht nur schick, sondern auch fair“ am 16. September in der Sparkasse begrüßte.


„Nachhaltigkeit geht uns alle an“, stellte Valeska Haberfellner fest, was auch auf das Thema des Abends, die Bekleidung und die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zutrifft. Etwas Licht in den „Dschungel“ der verschiedenen Siegel für mehr oder weniger fair produzierte Kleidung und damit deren Nachhaltigkeit, brachte an diesem Abend Ingeborg Pujiula. Sie ist Referentin bei Transfair Deutschland und Mitglied des Vereins Femnet, der sich besonders für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie einsetzt und damit  vor allem für Frauen. Denn 80 bis 90 Prozent der Arbeitnehmer in der Textilindustrie sind weiblich. Die „Faire Woche“ in Walldorf, die in diesem Jahr bundesweit den Fokus auf Geschlechtergerechtigkeit richtet, hat ihren Schwerpunkt auf fair produzierten Textilien.

Das Thema fairer Kleidung liegt ihnen am Herzen: (v.l.n.r.) Thomas Bensch (Fairtrade-Steuerungsgruppe), Valeska Haberfellner und Heidi Oestringer (Sparkasse), Ingeborg Pujiula, Wirtschaftsförderin Susanne Nisius, Bürgermeisterin Christiane Staab und Gerd Schneider (Fairtrade-Steuerungsgruppe/Fotos: Pfeifer)

„Fast Fashion“ und ihre Folgen

Ingeborg Pujiula machte in ihrem Vortrag unmissverständlich klar, „dass die Arbeitsbedingungen in der globalen Textilindustrie unglaublich schlecht sind.“ „Die Leute sterben an der Arbeit oder werden früh arbeitsunfähig“, so Ingeborg Pujiula. Im Alter von 14 Jahren fingen die Frauen an, in den Fabriken zu arbeiten, mit Mitte 30 seien sie nicht mehr arbeitsfähig und würden gekündigt. Sie litten vor allem an Atemwegs- und Nierenerkrankungen. Der Mindestlohn betrage in Indien und Bangladesch 85 Euro im Monat, werde aber oft nicht bezahlt und reiche sowieso nicht zum Leben. In China liege dieser inzwischen bei 174 Euro. Über hundert Wochenstunden Arbeit würden häufig erzwungen, um dem Diktat der „Fast Fashion“, also bis zu zwölf Modekollektionen im Jahr zu produzieren, Genüge zu tun. Zu den menschenunwürdigen Bedingungen am Arbeitsplatz, unter anderem mit verschlossenen Türen, der Reglementierung von Toilettengängen und mehr, komme noch die nicht umgesetzte Versammlungsfreiheit hinzu. Die Statuten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die die soziale Gerechtigkeit sowie Menschen- und Arbeitsrechte fördert, würden schlicht und ergreifend nicht beachtet.

Angesichts der „unglaublichen Umsätze“, die die Textilindustrie erwirtschafte, sei „dieser gnadenlose Handel“ unverständlich und brauche klare gesetzliche Regelungen, erklärte Pujiula. Durch den Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im April 2013 mit über tausend Toten sei die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt worden, doch allzuviel habe sich seither nicht verändert. „Hilft es teure Marken zu kaufen?“ Diese Frage beantwortete Pujiula mit „nein“. Andererseits könnten sehr billige Kleidungsstücke auf keinen Fall fair produziert worden sein.

Weniger kaufen und länger tragen

Sie empfahl, den Konsum anders zu gestalten. Laut Statistik kaufe jeder Deutsche rund 70 Kleidungsstücke im Jahr, wovon nur 60 Prozent tatsächlich getragen würden. Vieles werde ohne Anprobe gekauft, worauf manche Billigläden bewusst setzten und nur wenige Umkleidekabinen anböten. „Boykottieren Sie Kleidung zu Dumpingpreisen und Schnäppchen!“ so Ingeborg Pujiula, die auch erklärte, dass das Glücksgefühl nach solchen Käufen sich sehr schnell verflüchtige. „Der Wegwerfkonsum ist tödlich“, stellte sie fest, denn die Näherinnen nähten jedes Bekleidungsstück schließlich unter Einsatz ihres Lebens. Außerdem sei der Ressourcenverbrauch für jedes einzelne T-Shirt hoch. Selbst in einem T-Shirt aus 100 Prozent Baumwolle steckten  rund 20 Prozent Chemie, die man zuerst auswaschen müsse. Weniger kaufen und Second-Hand-Ware bevorzugen, sei ein Weg, so die Referentin. Begeistert zeigte sie sich von der Initiative der Fairtrade-Gruppe des Walldorfer Gymnasiums, die eine Kleidertauschbörse organisiert hat. Einige Mitglieder der Gruppe waren bei dem Vortrag und freuten sich über dieses Lob. Kleidung lange zu tragen und bei Bedarf zu flicken, Schuhe zum Schuhmacher zu bringen und schließlich öko-faire Kleidung zu bevorzugen, nannte Ingeborg Pujiula als Handlungsalternativen.

Das Kreuz mit den Siegeln

Verschiedene Siegel sollen den Verbrauchern dabei helfen, öko-faire Kleidung zu erkennen. Doch Ingeborg Pujiula machte deutlich, dass die textilen Produktionsketten sehr komplex sind. Rohstoffe, Garne und weitere Bestandteile müssten einzeln deklariert werden, wobei das textile Vertrauen noch lange nicht Vertrauen in die Produktion bedeuten müsse. So stehen einige Siegel für faire ökologische und soziale Standards, andere nur für einen dieser Aspekte. Die Statuten der ILO, die zum Beispiel dafür stehen, dass keine Kinderarbeit geleistet werden darf, werden nicht bei allen Siegeln berücksichtigt. GOTS, IVN Best, Fairwear Foundation und Fairtrade Certified Cotton zählte Pujiula zu den eher positiven Siegeln im Sinne von Fairness und Ökologie. Sie ging auch noch kurz auf das neue Siegel „Grüner Knopf“ ein, das auf Initiative von Bundesminister Gerd Müller vom Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen wurde. Es sei mit dem EU-Biosiegel zu vergleichen, meinte Pujiula, die zur Transparenz und tatsächlichen Aussagekraft dieses neuen staatlichen Siegels noch nichts sagen konnte. „Wir sollten ihm aber eine Chance geben“, meinte sie. Auf die Frage aus dem Publikum, ob es eine „Faustformel“ für einen angemessenen T-Shirt-Preis gebe, meinte die Referentin „ab 20 Euro“. „Ich kauf nix“ von Nunu Haller gab sie als Buchempfehlung mit auf den Weg und Wirtschaftsförderin Susanne Nisius wies noch auf den „Fairführer“ als Einkaufswegweiser hin. Er wird demnächst neu aufgelegt. „Fragen Sie bei ihren Einkäufen nach fair gehandelten Produkten, das ist ein wichtiger Impuls für Ihren Einzelhändler hier in Walldorf“, lautete ihr Appell.

Gerd Schneider, einer der Sprecher der Walldorfer Fairtrade-Steuerungsgruppe, sprach noch „vom fairen Gedanken, den wir nach Walldorf bringen wollen.“ Bereits beim Fairtrade-Stand auf dem Wochenmarkt am 12. September und bei der „Walldorfer Einkaufsnacht“ am 13. September hatte die Gruppe die Erfahrung gemacht, dass der Gedanke schon in vielen Köpfen steckt und auch das Programm der „Fairen Woche“ sehr präsent war.

Dass Nachhaltigkeit bei der Sparkasse zur Geschäftsstrategie gehört, erläuterte Heidi Oestringer, Referentin für Strategie und Kommunikation. „Soziales Handeln ist Teil unseres Auftrags“, erklärte sie. Nachhaltigkeit, so Oestringer, spiele sowohl im Gebäudemanagement und Ressourcenverbrauch der Sparkasse als auch bei Produkten für die Kunden eine wesentliche Rolle.

Ausstellung und Festtafel

Die Plakatausstellung „Nach St(r)ich und Faden“ ist noch bis 1. Oktober in der Sparkasse ausgestellt. Dort kann man auch an der „Festtafel: Eine Welt“ Platz nehmen und anhand unterschiedlicher Sitzhöhen die Lebenserwartungen in verschiedenen Ländern nachempfinden.

Wer Fragen zu Fairtrade hat oder bei einem Projekt mitmachen möchte, findet die Kontaktdaten unter

www.ganz-schoen-fair.de

Das Wurfspiel während der Einkaufsnacht war begehrt, es gab Gewinne und Gespräche


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