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Musikalische Raritäten

Die exotischen Geschwister der Klarinette mit Volker Hemken, Esther Valentin und dem Ensemble Operino

Das ist die Bildunterschrift
  Volker Hemken, Esther Valentin und das Ensemble Operino gestalteten ein Konzert mit musikalischen Kostbarkeiten und dem Chalumeau als exotischem Instrument (Foto: Pfeifer)


Exotisch wurde es auch bei der dritten Veranstaltung der Walldorfer Musiktage in der katholischen St. Peter Kirche. Die exotischen Geschwister der Klarinette standen im Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen Konzertes.


Zu Gast waren Esther Valentin (Mezzosopran) und Volker Hemken (Sopran-Chalumeau/Bassklarinette) und das Ensemble Operino. Neben Werken bekannter Komponisten wie Vivaldi, Telemann und Cherubini, erklangen auch Werke unbekannter Tonsetzer. Aber nicht nur das Programm mutete exotisch an, sondern vor allem ein Instrument: das Chalumeau. Im ersten Teil des Konzertes durfte sich das Publikum über die wunderbaren Klänge eines Sopran-Chalumeaus freuen. Hemken, Solo-Bassklarinettist des Gewandhausorchesters Leipzig, spielte dieses heute kaum mehr bekannte, kleine Holzblasinstrument mit einfachem Rohrblatt meisterlich. Das aus einem Hirteninstrument entwickelte Chalumeau ist ein Vorläufer der heutigen Klarinette. Experimentierfreudige Komponisten wie Vivaldi, Zelenka und Graupner bedienten sich gerne des zart klingenden Instruments und sahen die begrenzten Möglichkeiten als kreative Herausforderung an. Ende des 18. Jahrhunderts zählte das Chalumeau bereits zu den exotischen Sonderinstrumenten und wurde bald von der Klarinette verdrängt.

Für Kammermusik eignet sich das Chalumeau jedoch hervorragend. Wunderbar harmonierte es mit den Streichern und der Gesangsstimme. Der erste Teil des Konzertes entführte in die Barockzeit. Die Musiker des Ensembles Operino Britta Hofmann-Maneth (Violine), Timo Jouko Herrmann (Violine), Sophia Reis (Viola), Johannes Kasper (Violoncello), Paul Cervenec (Kontrabass) und Wilke Lahmann (Cembalo/Orgel) spielten auf Barockinstrumenten mit historischer Stimmung. Die fünf Streicher eröffneten mit Antonio Vivaldis Sinfonia h-Moll feierlich und getragen den Abend.  Eindrücklich und zu Herzen gehend erklang Jan Dismas Zelekas Arie „Recordare“ für Alt, Sopran-Chalumeau, Viola und Basso continuo. Valentins weiche und warme Mezzosopranstimme bezauberte. Einen wunderbaren Dialog lieferten sich Bratsche und Sopran-Chalumeau. Erstaunlich, wie weich und tief das Chalumeau, im Gegensatz zu einer Sopranblockflöte, der es optisch gleicht, klang. Fein getupft und transparent erklang Vivaldis Sonata a 4 Es-Dur. Wunderbar fein und silbern gesellten sich die schönen Cembalo-Klänge zu denen der Streicher, die mit Elan und Musizierfreude spielten. Herrliche Echostellen im Duett der Geigen mit den tiefen Streichern gefielen. Tiefen Eindruck hinterließ Christoph Graupners Rezitativ und Arie „O Seele“ für Alt, Bass-Chalumeau, Streicher und Basso continuo. Leider konnte Hemken das Werk nicht, wie vorgesehen, mit dem Bass-Chalumeau spielen, da sich dieses von der Intonation her als zu unsauber erwiesen hatte. Deshalb nahm er dafür die Bassklarinette, der er wunderbare, getupfte Töne entlockte und transponierte die Stimme. Das ganze Ensemble spielte mit großer Spielfreude und äußerster Präzision. Die Musik erklang wunderbar pulsierend, schlank, frisch und fein differenziert. Valentin begeisterte mit ihrer flexibel geführten klangschönen Stimme, die sowohl in der Höhe wie in der Tiefe überzeugte.

Einen virtuosen Dialog lieferten sich die beiden Violinen mit atemberaubend schnellen Läufen in Georg Philipp Telemanns Apertura g-Moll. In Vivaldis Arie „Veni, veni“ kam noch einmal das Sopran-Chalumeau zum Einsatz. Über repetierenden feinen Strichen der Streicher bezauberte das Chalumeau mit seinem weichen, farbenreichen Klang und seiner reizenden Melodie. Mit differenzierter Dynamik und tänzerischem Schwung ließ das Ensemble Vivaldis Musik lebendig werden. Herrlich erhob sich Valentins sanft leuchtende Stimme über dem Ensembleklang. Im zweiten Teil des Konzertes stand die Bassklarinette, die um 1830 entwickelt wurde, im Mittelpunkt. Sie ist eines der jüngsten Instrumente in der Orchesterfamilie. Das Ensemble Operino spielte jetzt auf modernen Instrumenten, unter anderem auch, weil nun die Orgel mit von der Partie war. Das Publikum bekam einige der frühesten Werke zu hören, die für die Bassklarinette entstanden sind. Mit Anselm Hüttenbrenners „Was sollen wir für Gaben“ und Sigismund Ritter von Neukomms „Make haste, o God“ durfte es sogar zwei deutsche Erstaufführungen erleben. Zuvor erklang ruhig und getragen Antonio Salieris Andante devoto g-Moll für Streichorchester. Hüttenbrenners Werk für Alt, Bassklarinette und Orgel war eine echte Entdeckung. Wunderbar harmonierten die vollen, tiefen und weichen Klänge der Bassklarinette mit der Orgel und der Singstimme. Exotisch mutete Luigi Cherubinis „Air pour le Panharmonicon“ an, das laut Herrmann wahrscheinlich seit seiner Entstehungszeit nicht mehr gespielt worden ist. Ein Panharmonikon ist ein mechanischer Musikautomat, der von Johann Nepomuk Mälzel, dem Erfinder des Metronoms, entwickelt wurde. In Walldorf erklang das Werk in einer Fassung für Orgel und Streicher. Für eine ganz reizende Klangwirkung sorgte die Orgel, die als Echo der Streicher fungierte. Einen würdigen Schlusspunkt setzte Ritter von Neukomms Psalm-Vertonung für Alt, Bassklarinette und Streicher. In dem 1836 uraufgeführtem Werk präsentiert der Komponist höchst eindrucksvoll den großen Tonumfang der Bassklarinette. Hemken entlockte seinem Instrument herrlich samtig-sonore Klänge, von der tiefsten Tiefe bis in strahlende Höhen, die sich auf Schönste mit Valentins dunkel timbrierter Stimme mischten. Kaum waren die letzten Töne verklungen, setzte begeisterter Applaus, gespickt mit zahlreichen Bravo-Rufen ein. Das Publikum zeigte sich beglückt von der Auswahl des Programms und der großartigen Leistung der Künstler, die ihnen diesen außergewöhnlichen Musikgenuss beschert hatten.

Carmen Diemer-Stachel


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