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Musik für "explodierte Staubwedel"

Lydia Möcklinghoff und „The Bär Necessities“ sorgten für Begeisterung bei den Musiktagen

Das ist die Bildunterschrift

Ameisenbären sind Lydia Möcklinghoffs Leidenschaft (Fotos: Pfeifer)


Exotisch wurde es auch bei der fünften Veranstaltung der Walldorfer Musiktage in der Astoria-Halle. Ausnahmsweise ging es an diesem Abend nicht um klassische Musik. Timo Jouko Herrmann, Initiator und künstlerischer Leiter der Musiktage, hatte die aus Walldorf stammende Ameisenbär-Forscherin Lydia Möcklinghoff und die eigens für die Vorträge der promovierten Zoologin gegründete Band „The Bär Necessities“ engagiert.


Für Herrmann ging damit ein lang gehegter Herzenswunsch in Erfüllung. Hoch erfreut zeigte er sich, dass es ihm gelungen war, die Koryphäe auf dem Gebiet der Ameisenbärenforschung auch außerhalb der Kerwe nach Walldorf zu locken. Für die sympathische Forscherin war dieser Abend ein Heimspiel. Auf humorvolle Art und Weise, in einer bunten Mischung aus Vortrag, unterstützt durch eine Power-Point-Präsentation auf großer Leinwand, Lesungen aus ihren Büchern, Spielen, Fragerunden und Livemusik, brachte sie dem Publikum ihr Forschungsobjekt, den Ameisenbären nahe. Mehrere Monate im Jahr lebt Möcklinghoff völlig abgeschieden auf einer Ranch im brasilianischen Busch und erforscht das Leben und Verhalten der „explodierten Staubwedel“, wie sie die Ameisenbären liebevoll nennt. In ihrem Forschungsgebiet im Pantanal, einem der größten Feuchtgebiete der Welt, welches über viele Süß- und Salzwasserseen verfügt, herrschen sehr starke Trocken- und Regenzeiten. Während der Regenzeit ist ihre Forschungsstation nur per Flugzeug erreichbar. Weltweit ist sie die einzige Verhaltensforscherin am Großen Ameisenbären in freier Wildbahn. Per Zufall, durch einen Aushang am Tropenökologie-Institut in Würzburg, wo sie studierte, war sie zu einem Praktikum für ein Forschungsprojekt in Brasilien gekommen. Dort lief ihr gleich eine Ameisenbärenmutter mit ihrem Jungen auf dem Rücken über den Weg.  Diese merkwürdigen Tiere mit ihren „behaarten Bananenschnauzen“ und ihren „Erbsenhirnen“, die sich geistig in einem „Paralleluniversum“ aufzuhalten scheinen, zogen sie gleich in ihren Bann.  Wie die Ameisen an der Zunge der Ameisenbären, so blieb sie bis heute an diesen faszinierenden, gemütlichen Tieren kleben. Dazu passte ausgezeichnet das Lied „Probier's mal mit Gemütlichkeit“ der Band aus Disneys „Dschungelbuch“. Der Titel des beliebten Klassikers lautet übrigens auf Englisch „The Bare Necessities“ (Das Allernotwendigste) und war wohl der Namensgeber für die Band der drei Musiker und des Sängers. Während des Liedes verteilte Möcklinghoff Schokolade und ließ Seifenblasen auf das Publikum niederregnen. Die Zuhörer erfuhren danach, dass Ameisenbären zu den ältesten Tieren Südamerikas zählen und gar keine Bären sind, sondern zu der Familie der Gürtel- und Faultiere gehören. Die merkwürdigen Säugetiere mit den riesigen buschigen Schwänzen und den langen Krallen fressen nur Ameisen und Termiten und zwar 30.000 am Tag, die an ihrer bis zu sechzig Zentimeter langen, klebrigen Zunge haften bleiben. Ameisenbären können sich immer nur auf eine Sache konzentrieren, sie sind „monotasking“. Die Herren würden schon verstehen, wovon sie rede, meinte Möcklinghoff augenzwinkernd. Sie lassen sich auch nicht so leicht ablenken und sind gut zu beobachten. Das Publikum durfte einen kleinen Film sehen, in dem ein Ameisenbär, der gerade ein ausgiebiges Schlammbad nahm, sich nicht einmal von zwei kämpfenden Wildschweinen in unmittelbarer Nähe aus der Ruhe bringen ließ. Möcklinghoff, die diese Szene filmte, hatten allerdings die Knie gezittert. Die Forscherin arbeitet auch mit Fotofallen, die sie über ein riesiges Gebiet verteilt hat und regelmäßig auswertet. Dabei gehen ihr natürlich nicht nur Ameisenbären in die Falle. Möcklinghoff hat inzwischen ein Register von vierzig verschiedenen Ameisenbären, die sie an den Fellstrukturen erkennt und seit Jahren beobachtet.

The Bär Necessities unterhielten das Publikum musikalisch

In der Pause konnte man ihre beiden Bücher „Ich glaub mein Puma pfeift“ und „Die Supernasen“ erwerben. Die Autorin hatte alle Hände voll zu tun, die vielen erstandenen Bücher zu signieren. Danach beschäftigte sie sich intensiver mit dem Thema Artenschutz. Die friedlichen Ameisenbären stehen auf der Roten Liste für gefährdete Arten. Sie haben einen natürlichen Feind, den Jaguar. Viele Ameisenbären werden auch überfahren. Gravierender ist aber, dass ihr Lebensraum immer weiter durch Abholzungen für die Rinderzucht und Brände zerstört wird. Möcklinghoff beschrieb die Bedeutung einzelner Tierarten und was deren Verlust für ein Ökosystem ausmachen kann sehr anschaulich mit einem Jenga-Turm. Bei diesem Spiel wird immer ein Baustein mehr weggenommen, bis der Turm einstürzt. Neben mehreren Liedern steuerte die Band auch eine schöne Version von Gershwins „Summertime“ bei, während stimmungsvolle Bilder aus Möcklinghoffs Forscherleben in Brasilien über die Leinwand liefen.

Am Schluss gab es riesigen Applaus für die humorvolle und engagierte Forscherin und ihren unterhaltsamen Vortrag sowie für die musikalischen Einlagen der Band.

Carmen Diemer-Stachel


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