02.02.2026, Startseite

Letzte Reisen und eine Uraufführung

Mit dem Pianist Jonathan Ware (li.) und Bariton Nikola Diskic starteten die disjährigen "Konzerte der Stadt". Foto: Pfeifer

Fulminanter Start der Konzerte der Stadt 

Für die Eröffnung der Konzertreihe der Stadt hatte der Musikbeauftragte Dr. Timo Jouko Herrmann ein hochkarätiges Duo, bestehend aus Bariton Nikola Diskic und Pianist Jonathan Ware, gewinnen können. Mit einem außergewöhnlichen Liederabend erfreuten sie das zahlreich erschienene Publikum in der Laurentiuskapelle. Auf dem Programm stand neben Franz Schuberts Liederzyklus „Schwanengesang“ und den „Songs of Travel“ von Ralph Vaughan Williams auch die Uraufführung von Timo Jouko Herrmanns „Drei Waldgedichte“, die während des Corona-Lockdowns 2020 im Walldorfer Wald entstanden sind.

Bevor die Musik das Sagen hatte, begrüßte Herrmann die Zuhörer herzlich und versorgte sie mit interessanten Informationen zu Werken, Komponisten und Künstlern. Der mehrfach ausgezeichnete Bariton Diskic wird als Nachwuchstalent gefeiert und ist Ensemblemitglied des Nationaltheaters Mannheim. Jonathan Ware gilt als einer der renommiertesten Pianisten und Liedbegleiter. Erst zwei Tage zuvor war er aus den USA gekommen und direkt nach dem Konzert machte er sich auf den Weg nach Luxemburg. 

Thematisch im Mittelpunkt standen Reisen des rastlosen Menschen, aber nicht im herkömmlichen Sinn, sondern als „letzte Reisen“ oder Reisen zu sich selbst. So entstanden die Schubert-Lieder in dessen letzten Lebensmonaten 1828 und wurden erst posthum vom geschäftstüchtigen Verleger Tobias Haslinger unter dem Titel „Schwanengesang“ zusammengefasst und veröffentlicht. Da Haslinger abergläubisch war, fügte er zu den 13 Liedern ein Vierzehntes hinzu: die berühmte „Taubenpost“ nach einem Text von Johann Gabriel Seidl. Die übrigen Lieder sind Vertonungen von Gedichten von Ludwig Rellstab und Heinrich Heine. 
Den Auftakt machten die ersten sieben Rellstab-Lieder.  Jedem dieser wundervollen Lieder hauchten die Künstler Leben ein und ließen sie als das aufleuchten, was sie sind: kleine Kostbarkeiten, die das Seelenleben der Romantik tiefgründig widerspiegeln. Die Rellstab-Lieder und die „Taubenpost“ haben eher einen resümierenden Charakter, während die Heine-Lieder, die nach der Pause erklangen, innovativ wirken. Die Rellstab-Lieder thematisieren Liebessehnen und Liebesverlust des lyrischen Ich, die Natur und das Wandern. Sie sind teils freudig, teils melancholisch gestimmt. Die abgrundtiefe Verzweiflung ist ihnen aber fremd. Diese bricht sich erst in den Heine-Liedern Bahn. 

Herrlich munter ließ Ware die Klaviertöne im ersten Lied „Liebesbotschaft“ sprudeln. Diskic begeisterte mit seiner warmen und in allen Registern sicheren Stimme und seiner ausdrucksstarken Bühnenpräsenz. Die beiden Künstler bildeten ein kongeniales Duo. Das Klavier fungierte nicht nur als Begleitung, sondern agierte als ebenbürtiger Partner. Das Publikum durfte einen ausdrucksstarken Dialog von Sänger und Pianist erleben. Beide gingen völlig in der Musik auf und schienen die tiefen Gefühle selbst zu durchleben. 

Heiter floss das Lied „Frühlingssehnsucht“ wie das „munter rauschende Bächlein“ dahin. Melancholisch und voller Sehnsucht erklang das berühmte „Ständchen“, das ständig zwischen Moll und Dur wechselt. Den zarten, pizzicato-ähnlichen Klavierpart ließ Ware wie eine Laute klingen und unterstrich dadurch die nächtliche Intimität. Dramatisch wurde es in „Der Atlas“ im zweiten Schubert-Block mit den Heine-Vertonungen. Mit wuchtigen dunklen Klavierakkorden und tremolierenden Oktaven im Bass symbolisierte Ware die schwere Last der Welt, während Diskic mit opernhafter Stimmgewalt gegen das übermächtige Tosen des Klaviers ankämpfen musste und sein Leid beklagte. Kalt lief es einem beim „Doppelgänger“ den Rücken herunter. Der Pianist schuf eine düstere Atmosphäre, während der Sänger mit einem monotonen Sprechgesang die Sprachlosigkeit des Betrachters spiegelte. Einen Kontrast dazu bildete die „Taubenpost“, die Hoffnung und Unbeschwertheit verbreitete. Das Klavier übernimmt hier die Rolle der Brieftaube, eines charmanten, unermüdlichen Boten. Schwungvoll, tänzerisch, fast schon swing-mäßig ließ Ware den synkopierten Rhythmus, der das ganze Lied durchzieht, erklingen. Diskic gelang es vortrefflich, mit seiner klangschönen Stimme eine ergreifende Intimität zu schaffen. 

Ganz anders klangen die „Songs of Travel“ von Ralph Vaughan Williams. Sie werden oft als britische „Winterreise“ bezeichnet. Gemeinsam sind den beiden Liederzyklen die Themen Wandern, Trennung, Einsamkeit und Naturerleben. Williams vertonte zwischen 1901 und 1904 Gedichte von Robert Louis Stevenson, der als Autor der „Schatzinsel“ bekannt ist. Sie entstanden auf einer Reise, die er allein mit einer Eselin durch die Cevennen unternahm, einer Reise zu sich selbst. Der Wanderer in Williams‘ Liederzyklus gibt sich deutlich optimistischer und marschiert kraftvoll und selbstbewusst durch die Landschaft, schläft unter freiem Himmel und bestaunt das Sternenzelt. Im ersten Lied lässt er alle menschlichen Bindungen hinter sich, um unbehaust zu leben. Die Vorstellung, einen gotterfüllten Himmel über sich zu haben, gibt ihm Vertrauen für seinen Aufbruch. Mit stampfenden Viertelakkorden im Klavier erzeugte Ware eine unerbittliche Vorwärtsbewegung. Diskic wusste mit großem Stimmvolumen den rauen Charme des Weges zu vermitteln. Im atmosphärischen Kontrast dazu stand das nächste Lied, das zarte „Let Beauty Awake“. Hier ließ der Pianist sein Instrument wie eine Harfe klingen. Die Melodie ist extrem lyrisch und verlangt vom Bariton eine perfekte Legato-Kultur, die Diskic mühelos gelang. Bei allen Liedern bewiesen die beiden Künstler, auf welch hohem Niveau sie agieren, wie wunderbar sie die jeweiligen Stimmungen erspüren und transportieren können und wie perfekt ihr Zusammenspiel gelingt. 

Als Sahnehäubchen gab es zum Schluss noch die Uraufführung der „Drei Waldgedichte“ von Timo Jouko Herrmann. Mystisch und geheimnisvoll erklang „Wenn die Wälder sich verdunkeln“ nach einem Gedicht von Richard Dehmel. Immer dunkler wurde der Klang, einzelne hohe Töne im Klavier, die an Vogelrufe erinnerten, tauchten aus den Klangballungen auf. Als das Auge sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, wurden schemenhafte Figuren erkennbar. Hohe, leise und fahle Klaviertöne blitzten immer wieder auf. Sie stehen für das Licht, das sich vervielfältigt und der Dunkelheit entrinnt. Träumerisch erklang der „Traumwald“ nach einem Gedicht von Christian Morgenstern. Wieder waren die zarten, hohen Vogelrufe zu hören, wofür der Pianist die Hände überkreuzte. Im dritten Lied „Jetzt rede du!“ nach dem Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer wird der Wald als dunkler Ort geschildert. Das lyrische Ich sucht nach langer Zeit seinen jugendlichen Sehnsuchtsort, den Wald, wieder auf. Nicht mehr um zu klagen, sondern um schweigend zuzuhören. Tonale Aufhellungen als Reminiszenzen erinnerten an glückliche Jugendtage. Echos symbolisierten das Nachhören und Lauschen. Diskic brachte das „Jetzt rede du!“ am Schluss fordernd zum Ausdruck. Andächtige Stille herrschte, nachdem die letzten Töne verklungen waren, dann setzte lang anhaltender Applaus ein. Mit dem humorvollen „Der Tambour“ von Hugo Wolf als Zugabe verabschiedeten sich die beiden Künstler vom Publikum.

Carmen Diemer-Stachel