Menüpunkt Aktuelles
Inhaltsübersicht Aktuelles  Im Überblick ► Atemberaubende Virtuosität und Eleganz

Atemberaubende Virtuosität und Eleganz

Eröffnung der Walldorfer Musiktage mit Anja Lechner und Pablo Márquez

Das ist die Bildunterschrift

Anja Lechner und Pablo Márquez - hingebungsvoll und virtuos (Foto: Pfeifer)


Für die 11. Walldorfer Musiktage unter dem Titel „Exoten“ verwandelte sich das, in blau-violettes Licht getauchte Rathaus-Foyer erneut in einen Konzertsaal. Schon am Eingang war Vogelgezwitscher zu vernehmen und stimmte das Publikum auf Exotik ein.


Einen außergewöhnlichen Musikgenuss hatte Dr. Timo Jouko Herrmann, Initiator und künstlerischer Leiter der Musiktage, für den Auftakt vorbereitet. Es war ihm gelungen, das hochgelobte und international konzertierende Duo mit Anja Lechner (Violoncello) und Pablo Márquez (Gitarre) zu engagieren. Allein die ungewöhnliche Kombination von Violoncello und Gitarre ist exotisch, wobei auch das Programm mit dem Titel „Die Nacht“ mit Werken von Franz Schubert und Werken zeitgenössischer lateinamerikanischer Komponisten exotisch anmutete. Nach der Begrüßung durch Bürgermeisterin Christiane Staab, die sich freute „wunderbare Musiker“ in Walldorf begrüßen zu dürfen, und Timo Jouko Herrmanns Dank an die Stadt, dass die Musiktage inzwischen zur „schönen Tradition“ geworden seien,  sorgten Lechner und Márquez für musikalischen Hochgenuss.

Wer hätte gedacht, dass sich die relativ leise Gitarre so ausgezeichnet mit einem Cello verträgt? Das perfekt aufeinander abgestimmte Duo mit dem argentinischen Gitarristen und der deutschen Cellistin näherte sich im ersten Teil des Konzerts dem Œuvre des frühverstorbenen Franz Schubert von verschiedenen Seiten her. Den Auftakt machte das 1840 komponierte melancholische „Nocturne I“ für Gitarre und Cello von Friedrich Burgmüller. Hier schien der Geist von Schuberts Musik aus der Vergangenheit herüberzuwehen. Während die Gitarre im Nocturne vortrefflich das Klavier zu ersetzen wusste, übernahm das Cello wunderbar kantabel die Singstimme. Hingebungsvoll mit geschlossenen Augen ließ Lechner ihr Cello in hohen wie tiefen Lagen wundervoll singen. Welch herrliche Töne entlockte sie ihrem Instrument! Transparent und silbern, wie die Töne eines Hammerflügels, gesellten sich die fein dahinplätschernden Gitarrenklänge Márquez' dazu. Genauso einfühlsam und harmonisch erklangen die folgenden Schubert-Lieder „Nacht und Träume“, „Fischerweise“, „Die Nacht“ und „Der Leiermann“. Mit feinen, intimen sowie energischen und leidenschaftlichen Klängen ergründeten die beiden Künstler Schuberts Musik, die in eigenen Arrangements erklangen. Gemeinsames Fühlen und Atmen sowie die vollkommene Hingabe an die Musik wurde hier spürbar. Lechner sang so traumhaft schön auf ihren Cello-Saiten, dass man die menschliche Stimme in keiner Weise vermisste. Beide Musiker beherrschten ihre Instrumente mit atemberaubender Virtuosität und Eleganz. Im Gegensatz zu den melancholischen Nacht-Liedern erklang die „Fischerweise“ tänzerisch und fröhlich beschwingt. Mit feinen dynamischen Differenzierungen wurden die Lieder gestaltet. „Der Leiermann“ aus Schuberts Zyklus „Die Winterreise“ erklang beeindruckend. Über einem langen, hohen, fahlen und leicht metallischen Cello-Ton begann die Gitarre, die tieftraurige Melodie zu spielen. Danach übernahm das Cello in zartem Pianissimo die Melodie, auf die die Gitarre wiederum antwortete. So entstand ein anrührender, zu Herzen gehender Dialog. Das Herzstück des ersten Programmteils stellte Schuberts Sonate a-Moll für Arpeggione und Klavier dar. Die Arpeggione oder Guitare d´amore, die bereits zu Schuberts Lebzeiten als Exot galt, war ein Streichinstrument, das die Bauprinzipien von Cello und Gitarre in sich vereinte. Lechner übernahm den Arpeggione-Part mit dem Cello. Vieles liegt im Cello unangenehm hoch. Die Cellistin meisterte aber alle Herausforderung virtuos in Daumenlage. Den durchlässigen Klavierpart übertrug Márquez wunderbar auf die Gitarre. Über herrliche, intime Klänge durfte sich das Publikum freuen. Gekonnt und sensibel hatten die beiden Künstler das Arrangement eingerichtet.

Ganz andere Töne gab es im zweiten Teil des Konzerts zu entdecken. Werke zeitgenössischer lateinamerikanischer Komponisten mit ihren farbenreichen Klängen und packenden Rhythmen bildeten den Kontrapunkt zum romantischen ersten Programmteil. Mit zwei Sambas für Gitarre solo von Gustavo Leguizamón, einem der bedeutendsten traditionellen Komponisten Argentiniens, erfreute Márquez das Publikum. Mit großer Virtuosität beherrschte Márquez sein Instrument, dessen Saiten er zupfte oder schlug. Immer wieder ließ er die Gitarre auch wie ein Percussionsinstrument erklingen. Mit Dino Saluzzis „Fantasia für Violoncello solo“ (2000) begeisterte Lechner das Publikum. Saluzzi ist ein bekannter argentinischer Bandoneon-Virtuose und guter Freund des Duos. Seine Fantasia, die fast durchweg mehrstimmig erklang, stellt hohe Anforderungen an den Interpreten, die Lechner mühelos meisterte. Hier werden gekonnt Elemente südamerikanischer Volksmusik mit denen mitteleuropäischer Kunstmusik vermischt. Interessant und frisch erklang zum Schluss Radamés Gnattalis „Sonate für Violoncello und Gitarre“ (1969). Dem rhythmischen ersten Satz mit seinen herrlichen, farbenreichen Pizzicato-Passagen folgte ein gefühlvoll gespieltes Adagio, in dem das Cello wehmütig sang. Spritzig und temperamentvoll erklang der Schlusssatz mit seinem originellen Finale, bei dem die Cellistin ihr Instrument wie eine Gitarre schlug.

Mit begeisterten Applaus und Bravo-Rufen bedankte sich das Publikum für dieses wunderbare Auftakt-Konzert der Musiktage. Ohne zwei Zugaben ließ es die Musiker nicht ziehen. Nach einem argentinischen Lied schloss sich der Kreis und die Zuhörer wurden mit einem Langsamen Walzer von Ferdinand Rehbay nach Wien zurückversetzt.

Carmen Diemer-Stachel


Zum Seitenanfang ▲

Text Schriftgröße
Impressum

Datenschutz