01.04.2026, Startseite
„Das hat mich völlig umgehauen“
Tobias Schlegl begeisterte bei seiner Lesung in der Stadtbücherei. Foto: Stadt Walldorf
Tobias Schlegl spricht über die Reise mit seiner Mutter auf dem Jakobsweg
„Es wird sehr privat werden“, verspricht Tobias Schlegl zu Beginn seiner Lesung in der Stadtbücherei. Er stellt sein Buch „Leichtes Herz und schwere Beine – Mit Mama auf dem Jakobsweg“ vor. Das Interesse an der Lesung ist groß, fast alle Plätze sind belegt. Kein Wunder, ist Schlegl doch auch medial durch seine Tätigkeiten im Fernsehen (unter anderem bei Viva, Extra 3 und Aspekte) bekannt.
Ein Mann, der „in seinen jungen Jahren vieles erlebt hat“. So beschreibt Stadtbüchereileiterin Barbara Grabl den Autor zur Begrüßung. Zu seinen Tätigkeiten zählen neben der Fernseh- und Radiomoderation seine Arbeit als Autor und Notfallsanitäter. Seine Vielseitigkeit macht sich auch bei der Lesung bemerkbar: Schlegl liest Passagen aus seinem Buch vor, zeigt Bilder seiner Reise auf der Leinwand und spielt Audioaufnahmen ab. Dabei kommt ihm seine jahrelange Erfahrung als Moderator zugute. Mit seiner charmanten und humorvollen Art nimmt er das Publikum den ganzen Abend über mit auf eine unterhaltsame und streckenweise auch berührende Reise.
Im Mittelpunkt steht seine Mutter Sieglinde, die laut Schlegl die Idee hatte, gemeinsam mit ihrem Sohn den Jakobsweg zu laufen. 34 Tage am Stück, ohne Ruhetag. Davon sei die die 73-Jährige auch nicht abgewichen, als sie starke Schmerzen im Fuß hatte.
Warum der ganze Aufwand? „Das war eine einmalige Gelegenheit für mich, sie neu kennenzulernen – einfach zuhören, da sein“, so Schlegl. „Das hat wunderbar funktioniert.“ Trotz einiger Hindernisse, die sich auf der 713 Kilometer langen Strecke auftun.
„Viele wollten hinterher wissen, ob wir uns laufend gestritten haben“, erzählt Schlegl. Das sei nur zwei Mal vorgekommen – „dafür richtig lang, über mehrere Stunden“, fügt er schmunzelnd hinzu und liest eine entsprechende Stelle aus dem Buch vor: „Wer was gesagt hat, ist egal, es muss einfach raus – verbale Ohrfeigen inmitten staubiger Felder.“
Schlegl berichtet aber vor allem von den vielen schönen Momenten. Nach zwölf Tagen habe er zum ersten Mal ein Glücksgefühl erlebt, das ihn regelrecht übermannt habe: „Ein Rausch, der stundenlang anhält – das hat mich völlig umgehauen.“ Auch hier liest er eine Passage aus seinem Buch vor, bevor er dem Publikum Bilder präsentiert, die seine Reise von Anfang bis Ende dokumentieren.
Die Eindrücke kommentiert Schlegl – ganz der Entertainer – meist humorvoll: „Mundraub ist kein Kavaliersdelikt, aber so verführerisch“, „Kleiner Pilgerspaß am Wegesrand“ oder „Banane in Baguettekeule – es schmeckt schlimmer, als es aussieht.“ Schlegl hat viele heitere Anekdoten über seine Mutter parat, die diese ungewöhnliche Frühstückskombination erfunden habe.
Auch von einer Raststelle erzählt er, an der man sich kostenlos Wein einschenken darf – „so viel man vor Ort trinkt, das sind üblicherweise nur ein paar Schluck“. Ein Foto zeigt, wie seine Mutter sich einen großen Becher füllt, was nicht unbedingt gut angekommen sei. „Das Schöne am Alter ist, dass einem irgendwann alles egal ist“, kommentiert Schlegl trocken – und das Publikum lacht nicht nur an dieser Stelle.
Doch er spart auch die emotionalen Momente nicht aus, die ihn nachhaltig beeindruckt haben. „Wir haben zu Hause nie über emotionale Dinge gesprochen“, sagt Schlegl und nennt als Beispiel eine schwere Erkrankung, die seine Mutter vor Jahren durchlebt hat. Während der Reise habe er von ihr erfahren, dass sie noch immer sehr um ihre Hündin Lara trauere, deren Tod zu diesem Zeitpunkt fast ein Jahr zurückgelegen habe. „Das ging ihr noch total nahe, das wusste ich nicht“, schildert der Autor.
Besonders bewegend ist für ihn eine Szene am Cruz de Ferro, einem Ort, an dem Pilger ihrer Verstorbenen gedenken und einen Stein oder ein Erinnerungsstück hinterlassen. „Vielen geht es auch um Trauerbewältigung“, erklärt Schlegl zu Motivation, den Jakobsweg zu beschreiten. Seine Mutter habe die ganze Zeit über einen Stein vom Grab ihrer Hündin bei sich getragen, den sie dort abgelegt habe. „An diesem Ort wird nicht verdrängt“, beschreibt Schlegl den Moment. Seine Mutter habe ihren Gefühlen freien Lauf gelassen, statt – wie sonst – ihre Tränen zu verbergen. Anschließend umarmten sich die beiden.
Seine Mutter habe das Manuskript des Buches als Erste gelesen, betont Schlegl. Sie habe nur eine Änderung gewollt: „Dass ich geschrieben habe, sie könne kein Englisch, hat ihr gar nicht gefallen.“ Sie habe Englisch in der Schule gehabt, es sei lediglich etwas eingerostet – so steht es nun auch im Buch. Alle intimen und persönlichen Momente durften bleiben.
Die Frage aus dem Publikum, welches Schuhwerk er denn für die Reise gewählt habe, nimmt Schlegl zum Anlass für einen „super Übergang“. Er habe nämlich seine Füße dokumentiert. „Ich hatte die ersten Tage Fußprobleme“, schildert er grinsend. Schlegl betont, dass er zwar ausgebildeter Notfallsanitäter ist, „aber ich habe nicht gewusst, wie man ein Blasenpflaster richtig anwendet“. Das fatale Ergebnis zeigt Schlegl mit einigen Fotos, nicht aber, ohne vorher zu fragen: „Stehen wir das zusammen durch?“ Bis auf eine Zuschauerin, die sich lieber die Augen zuhält, bejahen alle und können sich den Prozess einer blutigen Blasenbildung ansehen. Die durchaus expliziten Bilder federt Schlegl dann mit einem Katzenbild zum Schluss ab und hat die Lacher wieder auf seiner Seite.
Das Fazit seiner Reise: „Man zieht eine unglaubliche Kraft daraus, mit einem Gefühl von ‚Mich kann nun nichts mehr erschüttern‘ – für mich war es dringend nötig.“ Eine weitere Erkenntnis: „Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein.“ Und er möchte mit seinem Buch andere inspirieren: „Ich ermutige jeden Menschen, diesen Weg zu gehen – auch im fortgeschrittenen Alter.“ Vor allem das Verhältnis zu seiner Mutter habe sich durch die Reise verändert. „Es ist jetzt eine Beziehung auf Augenhöhe – ich habe eine Freundin fürs Leben gefunden.“