07.07.2026, Umwelt- und Klimaschutz

Der Ameisenbär hat sie auf Anhieb fasziniert

Zum Tode von Lydia Möcklinghoff

Lydia Möcklinghoff hat einmal von „Liebe auf den ersten Blick“ gesprochen. Die aus Walldorf stammende Diplom-Biologin war vom Großen Ameisenbären mit seiner ungewöhnlich langen und spitzen Schnauze, den großen Krallen, dem buschigen Schwanz und seiner einzigartigen Ernährungsweise fasziniert. Sie sprach von merkwürdigen Tieren mit „behaarten Bananenschnauzen“ und „Erbsenhirnen“, die sich geistig in einem Paralleluniversum aufzuhalten schienen, sie aber dennoch sofort in ihren Bann zogen. Ihre Beobachtungen und die daraus resultierenden Veröffentlichungen über die Tiere, deren Leben sie als erste Forscherin über ein Jahr lang beobachtet hat, stießen auf weltweite Aufmerksamkeit. Jetzt ist Lydia Möcklinghoff im Alter von nur 45 Jahren bei einem Flugzeugabsturz in Brasilien ums Leben gekommen. Laut übereinstimmenden Berichten ist das zweimotorige Kleinflugzeug etwa 20 Minuten nach dem Start bei dichtem Nebel in ein Waldgebiet gestürzt, auch der Pilot soll dabei tödlich verunglückt sein.

Die Anteilnahme ist groß, in der Fachwelt, bei Kollegen, unter Freunden und natürlich auch in Walldorf, wo die Verstorbene zur Schule gegangen ist, ehe sich ihr Lebensmittelpunkt in Richtung Köln verlagerte. So schreibt beispielsweise ihr ehemaliger Kunstlehrer, der langjährige städtische Kunstbeauftragte Hartmuth Schweizer, zur Nachricht ihres Unfalltods auf ihrer offiziellen Instagram-Seite: „Mein Mitgefühl gilt der Familie und meine große Trauer meiner ehemaligen Schülerin, die ich so sehr für ihre Arbeit und ihr wissenschaftliches Engagement geschätzt und bewundert habe.“ Andere Erinnerungen, die dort nachzulesen sind, drehen sich unter anderem um Interviews mit Fröschen in der Dusche, die Suche nach Vogelspinnen nachts in Baumhöhlen, gemeinsame Reisen oder die Begeisterung der Verstorbenen für die Natur und ihre Geschöpfe.

Am Walldorfer Gymnasium, so hat Lydia Möcklinghoff einmal erzählt, sei sie in der Tier-AG gewesen, sie habe schon immer Tierfilme gemocht und wollte diese zunächst selbst drehen, bis sie gemerkt habe, dass sie das Verhalten der Tiere viel mehr interessiere. Sie studierte Biologie in Gießen und Tropenökologie in Würzburg. Ein Praktikum, das sie am schwarzen Brett der Universität entdeckte („Wer kann sofort fahren?“, hieß es auf dem Aushang – sie griff zu) führte sie 2005 nach Nord-Brasilien, wo auf einer Akazienplantage überraschend viele Ameisenbären lebten – eine schicksalshafte Begegnung für die Forscherin. Später verbrachte sie als Tropenökologin und Verhaltensbiologin für ihre Studien an Großen Ameisenbären und anderen Säugetieren viele Monate im Jahr im Pantanal, einem großen und artenreichen Sumpfgebiet in Brasilien. Dorthin sollte auch der Flug gehen, bei dem sie am 3. Juli ums Leben kam.

Lydia Möcklinghoff war Wissenschaftsjournalistin und Zoologin, moderierte und produzierte Podcasts, arbeitete als freie Autorin für Hörfunk und Fernsehen (unter anderem für die „Sendung mit der Maus“), war Gast in Fernseh- und Hörfunksendungen und hat mit ihren Vorträgen und Science Slams mehrere Preise gewonnen. Sie hat die Bücher „Ich glaub mein Puma pfeift“ und „Die Supernasen“ geschrieben und mit ihren Illustrationen und Fotos bereichert. In ihrer alten Heimat war sie immer wieder zu Besuch und auch live auf der Bühne zu erleben – so mit einem Auftritt im Rahmen der Walldorfer Musiktage 2019: Mit der eigens für ihre Vortragsreisen gegründeten Band „The Bär Necessities“ präsentierte sie in der gut besuchten Astoria-Halle „Ameisenbären mit Musik“. Die Walldorfer Rundschau berichtete damals von „riesigem Applaus für die humorvolle und engagierte Forscherin“.