21.04.2026, Startseite
Poetische Klanglandschaften in der Laurentiuskapelle
Der deutsch-rumänische Pianist und Komponist Victor Nicoara begeisterte beim Konzert in der Laurentiuskapelle. Foto: Pfeifer
Victor Nicoara begeistert mit Klavierabend zwischen Spätromantik und früher Moderne
Mit einem frühlingshaften Klavierprogramm war der deutsch-rumänische Pianist und Komponist Victor Nicoara bei den Konzerten der Stadt zu Gast. Bekannt für seine exquisite Repertoireauswahl, widmete sich Nicoara in der Laurentiuskapelle mit einem fein ausdifferenzierten Programm der Klangwelt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
„In der Natur“ war der Abend betitelt, und Nicoara entführte dabei in eine Zeit, in der romantisch gestimmte Künstlerseelen in der Betrachtung der Natur einen Ausdruck für ihre inneren Empfindungen und seelischen Zustände fanden. Nicoara stimmte jedes Stück mit einer kurzen Erläuterung ein, womit er das Publikum auf die Spezifika der jeweiligen Komposition bestens vorbereitete und so den Kunstgenuss noch steigerte.
Den Anfang machte Erich Wolfgang Korngolds kurzes Triptychon „Was der Wald erzählt“ aus dem Jahr 1909, das der damals 12-jährige Komponist seinem Vater zum Geburtstag widmete. Erstaunlich, mit welchem Klangsinn der junge Korngold diese Miniaturen ausgestattet hat. Nicoara nahm das Publikum mit diesem selten zu hörenden Gelegenheitswerk des späteren Urvaters der typischen Hollywood-Filmmusik sofort für sich ein und sorgte unter anderem mit dem abschließenden grotesken Walzer der Heinzelmännchen für Erheiterung. Die wesentlich ernster gefassten fünf Stimmungsbilder op. 9 des zur Entstehungszeit 20-jährigen Richard Strauss schlossen sich an. Zwar blitzen in diesem Werk immer wieder einmal Strauss‘ große Vorbilder Mendelssohn und Schumann durch, es trägt jedoch auch bereits viel von dessen ganz persönlichem Tonfall in sich. In Erinnerung blieb besonders das Intermezzo, das Nicoara mit so viel Gespür für die dem Stück innewohnende feine Schelmenhaftigkeit interpretierte, dass er damit spontanen Applaus auslöste.
Am Ende der ersten Konzerthälfte erklang Ferruccio Busonis „Indianisches Tagebuch I“ aus dem Jahr 1915. Busoni ließ sich hierzu weniger von der Natur selbst als von den naturverbundenen Gesängen der amerikanischen Ureinwohner inspirieren. Mit stupender Technik nutzte Nicoara hier den ganzen Ambitus des Flügels aus und sorgte mit klarem Anschlag dafür, dass die archaisch anmutenden Themen innerhalb des Tongeflechts immer gut durchhörbar blieben.
Den zweiten Teil eröffnete der Pianist mit den liebenswürdigen fünf Stücken op. 85 des Finnen Jean Sibelius, für die sich der Komponist von den Lieblingsblumen inspirieren ließ. Gänseblümchen, Nelke, Schwertlilie, Akelei und Glockenblume wurden von Sibelius in diesen aquarellartig-poetischen Miniaturen musikalisch reizvoll porträtiert. Nicoara arbeitete die unterschiedlichen Charaktere abwechslungsreich und mit großer dynamischer Bandbreite heraus. Als zentrales und zugleich ältestes Werk des Abends erklang schließlich Robert Schumanns berühmter Zyklus „Waldszenen“ op. 82. Die in dieser Sammlung gebündelten neun Charakterstücke entziehen sich trotz ihrer narrativen Einzeltitel einer rein programmatischen Deutung. Es ist vielmehr ein allgemeiner poetischer Geist, der das Ganze durchzieht und der sich der typisch deutschen Waldromantik eher assoziativ denn bildlich-beschreibend nähert. Nicoara gelang eine äußerst abwechslungsreiche Wiedergabe, die mit großer suggestiver Kraft und einer fein abgestuften Klangfarbenpalette bestach.
Den Beschluss des Programms machte George Ensecus „Carillon nocturne“ aus der Suite op. 18 – ein überraschendes, klanglich frappierendes Werk, in dem mittels bi- beziehungsweise polytonaler Klangkombinationen der Eindruck verschiedener gleichzeitig läutender Glocken erweckt wird. Der in zartem Piano hineingewobene Choral trug ebenso viel zu diesem fesselnden Schluss bei wie das von Nicoara perfekt ausgelotete langsame Ersterben des Klanges am Ende der Komposition. Man wagte kaum zu atmen, und erst nach kurzer Stille brandete lange begeisterter Beifall auf. Nicoara bedankte sich dafür mit Franz Liszts kontemplativem Charakterstück „Au lac de Wallenstadt“ als Zugabe.