11.03.2026, Startseite

Traditionelle Gesänge und moderne Kompositionen

Der Musikbeauftragte der Stadt Dr. Timo Jouko Herrmann begrüßte das Publikum in der Laurentiuskapelle. Foto: Pfeifer

Das Ensemble Sprezzatura 22 begeisterte beim Konzert der Stadt

Besondere Klangerlebnisse versprach der städtische Musikbeauftragte Dr. Timo Jouko Herrmann dem zahlreich erschienenen Publikum beim zweiten Konzert der Stadt Walldorf in der Laurentiuskapelle. Zu Gast war das Berliner Ensemble Sprezzatura 22, bestehend aus June Telletxea (Sopran), Andreas Arend (Lyra Polyversalis) und Wolfgang Eger (Percussion). Der Name des Ensembles „Sprezzatura“ stammt aus der Frührenaissance und bedeutet mühelose Anmut und Leichtigkeit im Vortrag komplexer Musik. Laut Herrmann ist damit gemeint, „etwas, das sehr kompliziert ist, ganz leicht aussehen zu lassen“. Genau das gelang den drei hervorragenden Musikern bestens. Mit großer Virtuosität, Einfühlsamkeit und Musikalität entführten sie das Publikum in eine längst vergangene Zeit. 

Auf dem Programm standen Lieder und Romanzen des 16. und 17. Jahrhunderts der aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden, aber auch eigene Kompositionen, die die Klangfarben dieser Lieder aufnahmen und mit modernen Elementen aus zeitgenössischer Musik, Pop und Jazz bereicherten. Als Bindeglied zwischen den im Kontrast stehenden, sehr schlichten und klaren sephardischen Liedern mit mehreren Strophen und den modernen, rhythmisch raffinierten Stücken fungieren die Instrumentalfarben. Sie sind in der Lage, eine Verbindung zwischen den Werken, die aufgrund ihrer Entstehungszeit weit auseinanderliegen, zu schaffen. 

Sephardische Musik ist eine traditionsreiche Musikrichtung, die aus der Kultur der Nachfahren der iberischen Juden stammt. Sie zeichnet sich durch eine Mischung aus spanischen Volksliedern, mittelalterlichen Romanzen und Einflüssen aus dem östlichen Mittelmeerraum, Nordafrika, der Türkei und dem Balkan aus. Die Sprache ist meist Spanisch oder Ladino, eine Mischung spanischer Dialekte mit hebräischen, türkischen und arabischen Einflüssen. Für unsere Ohren klingt diese Musik orientalisch angehaucht und exotisch. Sie ist rhythmisch, melancholisch und sehr berührend. 

Dass sich das Ensemble bestens mit Alter Musik auskennt, konnte es gleich zu Beginn mit Claudio Monteverdis „Laudate Dominum“, einer Vertonung des Psalms 150, beweisen. Überraschenderweise sang die aus dem Baskenland stammende Sopranistin Telletxea zunächst von der Empore aus, mitten im Publikum. Sie bezauberte sogleich mit ihrer hellen, kristallinen und klangschönen Stimme. Begleitet wurde sie von Arend auf der Lyra Polyversalis und von Eger an den verschiedensten Percussions-Instrumenten. Besonders die Lyra, die Arend virtuos spielte, zog die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Das edle Instrument sieht aus wie eine Mischung aus einer großen Gitarre und einem kleinen Cello oder einer Gambe. Die Lyra Polyversalis ist ein Unikat, eine Sonderanfertigung des Gambenbauers Valentin Oelemüller und wurde speziell nach den Wünschen Arends angefertigt. Das sechssaitige Instrument ist sehr vielseitig und kann sowohl gezupft oder geschlagen als auch mit dem Bogen gestrichen werden. Gehalten wird sie wie eine Gitarre. Arend verblüffte mit den fliegenden Wechseln zwischen den verschiedenen Spieltechniken. 

Für den Herzschlag des Ensembles und eine jeweils ganz besondere Klangfarbe sorgte Eger an den diversen Percussions-Instrumenten wie Rahmentrommeln, Tamburin, Becken, Holzblöcken, Zimbeln und Kastagnetten. Die drei Musiker harmonierten bestens zusammen und sind ganz offensichtlich hervorragend aufeinander eingespielt, auch wenn sie ihr gemeinsames Ensemble erst 2022 gründeten. Kein Wunder, denn Arend und Telletxea sind ein Ehepaar und Eger ist ein Jugendfreud Arends. Ihre Freude am Muszieren und Singen war deutlich zu spüren und inspirierte das Publikum.

Die schönen sephardischen Gesänge wechselten sich immer wieder mit den modernen Kompositionen ab. Das instrumentale „Lauflied“ oder „Renner“ entstand während einer Zugfahrt durch das Oberallgäu, wie Arend erläuterte. Zu den Klängen der Lyra bestand die rhythmische Begleitung im ersten und dritten Teil nur aus Klatschen und Stampfen, was an das Rattern eines Zuges erinnerte. Die eindrückliche spätmittelalterliche Romanze „Cuando el rey Selemo“ handelt vom weisen salomonischen Urteil aus dem Buch der Könige im Alten Testament und sorgte für atmosphärische Tiefe und Ergriffenheit. Das folgende moderne instrumentale Werk „Neues aus dem Spinnwinkel“ widmete Arend einer Zitterspinne. Das ausgesprochen rhythmische Werk für Lyra Polyversalis und verschiedene Percussions-Instrumente fand großen Anklang beim Publikum. Es ließ viele verschiedene Klangfarben aufleuchten. Immer wieder tauchten kurze anrührende Melodien aus dem rhythmisch-turbulentem Geschehen und der dissonanten Klangfülle auf, die wie von einem Cello klangen, begleitet von Holzblock und Becken. Dann wurde es dramatischer und das Geschehen steigerte sich, um plötzlich abzubrechen und das Publikum mit einem Schmunzeln zurückzulassen.

Ganz sphärische Klänge zauberte das folgende zarte sephardische Lied „Morena me lláman“, das die Sopranistin zunächst ohne Begleitung anstimmte. Später schlug sie selbst eine große Rahmentrommel dazu an. Erst dann stimmte auch die Lyra mit feinen Pizzicato mit ein. Im Mittelpunkt des Programms stand die eindrückliche moderne Komposition für Sopran, Lyra Polyversalis und Percussion „Yo soy la rosa de Sarón“, die auch das Motto des Abends lieferte. Als Textgrundlage wurde das Hohelied aus der Bibel verwendet. Auch die sephardischen Lieder beschäftigen sich oft mit biblischen Stoffen und Texten. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass das Ensemble auf „alte“ Muster wie Ostinati, kanonische Strukturen und Polyrhythmik, wenn auch in neuem Gewand, zurückgreift. In seiner Vertonung des Psalms 29 erschallt die Stimme des Herrn über die Meere und lässt den Donner grollen. Zum Schluss mündete das ganze Toben und Grollen in ein anrührendes „Pace“ (Frieden). 

Im lyrischen und stimmungsvollen Lied „De los álamos vengo, madre“ spielten Arend und Eger gemeinsam auf der Lyra, wobei Eger mit einem kleinen Stab sehr schnell auf die Saiten schlug. Hiermit verabschiedeten sich die Musiker vom begeisterten Publikum, das nicht mit Applaus für dieses wunderbare Konzert sparte. Und so bekam es noch zwei Zugaben mit auf den Nachhauseweg. Zum einen das gute Laune verbreitende „Sonnenstrahlen“, ein Pop-Song von Arend. Hier sang er selbst im Dialog mit seiner Frau, die immer auf Spanisch antworte. Eger begeisterte dabei mit einem kleinen Schlagzeug-Solo. Und zum anderen die mystische, sehnsuchtsvolle Jazz-Ballade „Nature Boy“ von Eden Ahbez.

Carmen Diemer-Stachel