14.07.2026, Startseite
Versöhnung mit der Geschichte
Herzlich willkommen in Walldorf: Tyler, Madison, Andrew, Katie und Brandon Ullman (vorne v.li.) tragen sich ins goldene Buch der Stadt ein. Empfangen werden sie im Rathaus von (hinten v.li.) Timo Jouko Herrmann, Klaus Engwicht, Bürgermeister Matthias Renschler und Thomas Ostermann. Foto: Stadt Walldorf
Bürgermeister empfängt Andrew Ullman und Familie im Rathaus
„Danke für alles Liebe, das Sie für unsere Familie getan haben.“ Diesen Satz schreibt der 13-jährige Tyler Ullman aus Kalifornien auf Deutsch ins goldene Buch der Stadt Walldorf. Er ist mit seinen Eltern Andrew und Katie sowie seinen Geschwistern Madison (12) und Brandon (8) zu Besuch in Walldorf und wird von Bürgermeister Matthias Renschler im Rathaus empfangen. Danach führen ihn Klaus Engwicht und Thomas Ostermann von den Heimatfreunden sowie der städtische Musikbeauftragte Dr. Timo Jouko Herrmann zu für ihre Familiengeschichte wichtigen Orten: zu den Stolpersteinen in der Hauptstraße, zum jüdischen Friedhof mit der im vergangenen Jahr eingeweihten neuen Gedenktafel-Säule und zur Sitzbank im Hochholzer Wald, die Familie Klein im Nachgang zu den Kurt-Klein-Tagen im Jahr 2022 der Bevölkerung Walldorfs geschenkt hat. Kurt Kleins Tochter Vivian Ullman ist Andrews Mutter und die Großmutter von Tyler, Madison und Brandon. Dass sich Kleins Nachkommen in Walldorf willkommen fühlen, wäre so vor fast siebzig Jahren – leider – kaum denkbar gewesen. Es ist beiderseits eine wunderschöne Form der Versöhnung mit der Geschichte.
Denn dem Walldorfer Juden Kurt Klein war 1937 die Flucht in die USA gelungen, ein Jahr nach seiner Schwester Irmgard. Sein Bruder Max folgte ein weiteres Jahr später. Ihre Eltern Alice und Ludwig Klein mussten dagegen allen Bemühungen um eine Ausreise zum Trotz in Walldorf bleiben. Sie wurden 1940 wie alle anderen badischen Juden nach Gurs deportiert, beide wurden 1942 in Auschwitz ermordet – an sie erinnern heute in der Hauptstraße 15 zwei Stolpersteine. Kurt Klein (1920-2002) kehrte noch im Zweiten Weltkrieg als Soldat der US Army nach Deutschland zurück und lernte hier unter dramatischen Umständen seine spätere Frau Gerda Weissmann Klein (1924-2022) kennen, die Überlebende eines der sogenannten Todesmärsche. Ihr Buch „Nichts als das nackte Leben“ (1957) zählt in den USA zu den Standardwerken über die Zeit des Nationalsozialismus, 2023 ist eine neue deutsche Übersetzung erschienen. Mit den Kurt-Klein-Tagen erinnerte die Stadt Walldorf 2022 an beider Lebenswege.
Mit Vivian Ullman, Leslie Simon und Jim Klein waren im Rahmen der Kurt-Klein-Tage die drei Kinder des Ehepaars zusammen mit ihren Partnern, Kindern und weiteren Verwandten in Walldorf zu Gast, auch Andrew Ullman gehörte zu der Besuchergruppe. Aus dieser Begegnung sind bis heute viele weitere entstanden: Familie Klein schenkte der Stadt Walldorf und ihren Bürgern eine Sitzbank, die im Hochholzer Wald ihren Platz gefunden hat, einem der Lieblingsorte Kurt Kleins. Der Walldorfer Komponist Timo Jouko Herrmann vertonte unter dem Titel „An Affirmation of Life“ ein Gedicht Kurt Kleins, ein emotional mitreißendes Werk, das 2024 in Bad Wimpfen ebenfalls im Beisein von Mitgliedern der Klein-Familie uraufgeführt wurde. Und auch die Gedenktafel-Säule vor dem jüdischen Friedhof ist eine Anregung, die die Stadt aus den Gesprächen mit Familie Klein aufgegriffen hat. Bei einem Besuch des jüdischen Friedhofs war die Überlegung aufgekommen, diesen Friedhofsteil stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen.
„Willkommen in Walldorf“, sagt Bürgermeister Matthias Renschler und dankt Klaus Engwicht, Thomas Ostermann und Timo Jouko Herrmann, dass sie sich an diesem Tag viel Zeit für Familie Ullman nehmen. „Vielen Dank für den herzlichen Empfang“, sagt Katie Ullman. „Dieser Besuch ist sehr wichtig für unsere Familie.“ Im Eintrag ins goldene Buch dankt sie für eine „unvergessliche Erinnerung“, ihr Mann Andrew freut sich über „herzliche Gastfreundschaft“. Er berichtet, dass die Kinder zum ersten Mal in Deutschland seien und man ihnen die Heimat ihres Urgroßvaters zeigen wolle, ehe sich noch ein paar schöne Tage in Italien anschließen sollen. Und die Kinder haben auch prompt viele Fragen an den Bürgermeister: Wie viele Einwohner hat Walldorf? Wie lange ist er schon im Amt? Und wie lange ist er gewählt? Madison, genannt Maddie, die sich am schnellsten akklimatisiert, fasst prompt einen kühnen Plan: Sie will Bürgermeisterin werden. Am besten in Walldorf. Per Handschlag einigt sie sich mit dem Amtsinhaber schon einmal auf einen fairen Wahlkampf. „Vielen Dank für dieses Erlebnis“, schreibt sie ins goldene Buch, verziert mit einem Herzchen.