24.06.2026, Startseite

Der Wald im Wandel

Förster Achim Freund (li.) und Forstbezirksleiter Philipp Schweigler (rechts daneben, mit Rucksack) führten den Gemeinderat durch den Wald. Foto: Stadt Walldorf

Gemeinderat macht sich ein Bild der Schäden und spannender Projekte

„Wir sehen, dass es funktioniert“, sagt Forstbezirksleiter Philipp Schweigler. Gemeinsam mit Revierförster Achim Freund erläutert er zum Start der gemeinsamen Waldbegehung im Reilinger Eck mit dem Gemeinderat und der Verwaltungsspitze das Prinzip der sogenannten „Hähertische“. Sie dienen dazu, Eichelhäher als fleißige Helfer bei der Aufforstung zu unterstützen. Die Vögel verstecken die dort ausgelegten Eicheln im Waldboden, um sie als Wintervorrat anzulegen. Da sie viele Verstecke vergessen, helfen sie so bei der Verbreitung vergleichsweise gut mit dem Klima zurechtkommender Eichen. Das Sammeln der Eicheln, die den Vögeln auf den Tischen bereitgelegt werden, erfolgt unter anderem in Schulprojekten, vor allem mit der Sambuga-Schule.

Die Probleme des Waldes werden bei der Begehung schnell offensichtlich: Erfolgt der Start am Schützenhaus noch in einer „besseren Ecke“, weil dort der Boden das Wasser gut speichert, sind wenige hundert Meter weiter die starken Schäden nicht zu übersehen. „Hier haben wir die höchsten Verluste an Kiefern und Buchen und den lichtesten Baumbestand“, berichtet Achim Freund. Er nutzt die Gelegenheit, ein gemeinsames Projekt der Stadt Walldorf und der Gemeinde Reilingen vorzustellen: Ein Feuerlöschbrunnen auf Reilinger Gemarkung soll den Feuerwehren im Fall eines Waldbrandes die Arbeit erleichtern. „Wir müssen den Katastrophenschutz zunehmend mitdenken“, sagt der Förster – gerade tags zuvor hat das Kreisforstamt vor der erhöhten Waldbrandgefahr gewarnt und die Feuer- und Grillstellen in der Rheinebene bis auf Weiteres gesperrt. Rauchen ist im Wald zwischen 1. März und 31. Oktober ohnehin verboten. „Das Schlimmste wäre, wenn ein Feuer vom Wald auf die Ortschaften übergreift“, sagt Philipp Schweigler.

Die beiden Experten zeigen eine Versuchsfläche der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt, die hier schon 2021 (wie auch an drei anderen Standorten in Baden-Württemberg) heimische Trockeneichen aus speziell gesammeltem Saatgut gepflanzt hat, insgesamt rund 2500 Bäume. „Wir haben die schwierigsten Verhältnisse und die anspruchsvollste Fläche“, betont Freund, dennoch fielen die ersten Zwischenergebnisse in Walldorf am besten aus. Dabei hält man die menschlichen Eingriffe bewusst klein, um genau zu untersuchen, welche der Bäume länger aushalten oder früher ausfallen. Deshalb wird die Fläche zwar einmal im Jahr gefräst, aber – außer gleich im ersten Jahr, quasi als kleiner Anschub – nicht eigens bewässert. Dazu gehört auch, die invasive Kermesbeere zu ignorieren statt sie zu bekämpfen: „Die ist da und wir werden sie nicht mehr los“, sagt Freund. „Diesen Kampf können wir nicht gewinnen.“ Und es habe sich inzwischen auch gezeigt, so Philipp Schweigler, dass an manchen Stellen im Wald „andere Pflanzen stärker“ seien und wiederum die Kermesbeere verdrängten. Dagegen sei der Götterbaum eine der Arten, „die wir manuell entfernen müssen“.

Eine Besonderheit im Reilinger Eck ist in unmittelbarer Nachbarschaft zur Waldweide, auf der sich auch die beiden Esel Bella und Camillo blicken lassen, der Kiefernwald der sarmatischen Steppe, ein lichter, von Kiefern dominierter Wald, der Platz für eine artenreiche Bodenvegetation bietet, die Trockenheit liebt. „Wir hatten hier dieses Jahr zehn Rinder für eine temporäre Beweidung“, erzählt Förster Freund. Dabei durchstoßen die Rinder nach seinen Worten mit ihren Klauen die Grasnarbe, sodass mehr Licht auf den Boden kommt, was wiederum die Zahl der Kleinarten fördert. Inzwischen ist hier beispielsweise die seltene Heidelerche nachgewiesen – mit einem Schmunzeln versichert der Förster, dass von ihr keine Probleme wie mit der Haubenlerche zu erwarten sind: „Die Heidelerche bleibt im siedlungsfernen Bereich, sie schätzt lichte Flächen.“ Dagegen ist das „rote Waldvögelein“, das man hier gefunden hat, zwar ebenfalls eine bedrohte Art, aber kein Vogel, sondern eine seltene Orchidee. Ungewiss ist, wie lange hier die Kiefern noch stehen: „Die Waldkiefer kommt mit der Hitze nicht zurecht“, sagt Freund. Deshalb bringe man inzwischen auch mediterrane Kiefern in den Bestand ein.

Am Forststützpunkt Leimengrube im Roter Bruch können die Besucher eine Ersatzaufforstung auf zwei Hektar Fläche besichtigen. „Der Anwuchs ist gut“, sagt Freund über das Projekt, in dem rund 12.000 Bäume gepflanzt wurden – von der Flaumeiche über Spitzahorn und Wildkirsche bis hin zu Esskastanie. Im Hochholz täuscht dann der erste Augenschein. Statt „endlich mal ein grüner Wald“ warnen die Forstleute vor dem „sehr geringen Inventar, um dauerhaft den Wald zu erhalten“, mit aktuell nur drei verschiedenen Baumarten und der Buche als „größtem Verlierer“. Bis zum Ende des Jahrhunderts werde der Wald an dieser Stelle ganz anders aussehen, so die Prognose. „An viele Bäume hier mache ich ein Fragezeichen“, sagt Philipp Schweigler. Mit neu gepflanzten Eichen und weiteren Baumarten wolle man den Wald deshalb schon jetzt allmählich umgestalten. Dafür würden dann auch Eingriffe nötig, die dem normalen Waldbesucher vielleicht auf den ersten Blick nicht sinnvoll erscheinen. Um Fenster für Neupflanzungen zu schaffen, komme man um einen Einschlag nicht herum.

 „Vielen Dank für die klasse Führung, das war sehr aufschlussreich“, dankt Bürgermeister Matthias Renschler am Ende im Namen der gesamten Gruppe. Sein Dank gilt neben Forstbezirksleiter Schweigler und Förster Freund auch Kämmerer Boris Maier, in dessen Fachbereich der Wald fällt, und Sabine Krieger vom städtischen Grundstücksmanagement für die Organisation der Exkursion.