21.04.2026, Startseite

Die Flut bleibt präsent

Die aus dem Jahr 1910 stammende Maria-Hilf-Brücke wurde von der Flut 2021 mitgerissen und im Kurpark von Bad Neuenahr „abgelegt“. Ein Mahnmal soll sie allerdings nicht werden, sondern bald entfernt werden. Foto: Stadt Walldorf

Gemeinderat und Verwaltungsspitze auf Klausurtagung in Bad Neuenahr-Ahrweiler

„Es ist schön, dass diese Freundschaft entstanden ist“, sagt Bürgermeister Matthias Renschler. „Vielen Dank für euren Besuch“, begrüßt Ortsvorsteher Richard Lindner die Gäste. „Ich freue mich auf einen guten Austausch“, sagt der neu gewählte Bürgermeister Pascal Rowald, der sein Amt zum 1. Juli antreten wird. Der Walldorfer Gemeinderat und die Verwaltungsspitze sind für drei Tage nach Bad Neuenahr-Ahrweiler gereist, um auf einer Klausurtagung konzentriert wichtige Themen zu besprechen. Unter anderem geht es um den Katastrophenschutz, zu dem Richard Lindner (zur Zeit der Flutkatastrophe Feuerwehrkommandant), sein Stellvertreter David Bongart (der auch Geschäftsführer des Vereins Zukunftsregion Ahr ist) und Marcus Mandt (Leiter der Feuerwehr der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler) aus eigenem Erleben wichtige Impulse beisteuern können.

Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle gibt es schon beim Rundgang durch den direkt am nördlichen und südlichen Ufer der Ahr liegenden Stadtteil Bad Neuenahr. Die Flutkatastrophe am 14./15. Juli 2021 hat die Stadt besonders stark getroffen: 69 Menschen starben allein in Bad Neuenahr-Ahrweiler, die Flut richtete massive Zerstörungen an Infrastruktur, Häusern und Brücken an. „Wir hatten 21 Brücken im Stadtgebiet – die waren alle weg“, nennt Richard Lindner ein Beispiel. Die damals massiven Schäden sind auch fünf Jahre später nicht zu übersehen, die Flut bleibt präsent, während sich gleichzeitig aber auch schon viel getan hat. Bagger und Kräne gehören nach wie vor zum Stadtbild dazu, der Wiederaufbau läuft und ist weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein. 

Der Kontakt zwischen Walldorf und Bad Neuenahr-Ahrweiler ist 2021 über die Freiwillige Feuerwehr der Astorstadt entstanden, die direkt nach der Flut zur Soforthilfe vor Ort war und auch beim aktuellen Besuch durch Kommandant Frank Eck und seine Stellvertreter Jurek Dudler und Ralf Hirscher vertreten ist. Eine vom Walldorfer Gemeinderat beschlossene Spende in Höhe von 100.000 Euro, die sich durch private und Vereinsspenden um weitere 4000 Euro erhöhte, ist verschiedenen Projekten zugutegekommen, die von Vereinen, Bürgergesellschaften und der Feuerwehr umgesetzt werden. Eine weitere Spende schließt sich beim aktuellen Besuch an (siehe separaten Bericht). Richard Lindner meint, Walldorf sei die einzige Stadt in Deutschland, die sich auch fünf Jahre nach der Katastrophe den Wiederaufbau im Ahrtal „zu Herzen nimmt“.

Was sich getan hat, belegt der Marsch durch die Fußgängerzone: Viele Straßen, Plätze und Häuser sind tipptopp wieder hergerichtet, andererseits stehen zahlreiche Geschäfte noch leer, sind wohl seit der Flut mit Brettern vernagelt. In der evangelischen Martin-Luther-Kirche ist seit 2021 „nichts passiert“, wie der Ortsvorsteher sagt und das im Inneren auch anschaulich zeigt. Als Gegenbeispiel dient die katholische Rosenkranzkirche, die gerade eine Woche vor dem Walldorfer Besuch im Beisein von Bischof Stephan Ackermann feierlich wieder eingeweiht werden konnte. In der Grundschule, in der das Wasser damals meterhoch stand, laufen die Vorbereitungen für den Abriss des Südflügels – die Containerlandschaft für acht Klassen steht schon bereit. „Zwei von unseren drei Gymnasien waren betroffen“, sagt Pascal Rowald. Einige Schüler haben nach seinen Worten ihre Schullaufbahn im Container begonnen und werden dort auch ihr Abitur machen. Dafür steht die achtgruppige Kita Blandine-Merten-Haus, Ersatz für ein nach der Flut abgerissenes Gebäude, kurz vor der Fertigstellung. „Drei Hotels sind komplett von der Landkarte verschwunden“, schildert der Bürgermeister eins der Probleme. Die Tourismusregion habe vor der Flut 1,4 Millionen Übernachtungen pro Jahr gehabt, aktuell sei man schon wieder knapp an der Million – und das bei bereits jetzt mehr als 90-prozentiger Auslastung der noch bestehenden Hotellerie. Deshalb ist es für ihn eine gute Nachricht, dass ein seit fünf Jahren leerstehendes, großes Hotel in Bad Neuenahr endlich einen Investor gefunden hat.


Der Walldorfer Gemeinderat und die Verwaltungsspitze erhielten beim Rundgang durch Bad Neuenahr viel Anschaffungsmaterial, was in den vergangenen fünf Jahren nach der Flutkatastrophe bereits erledigt worden ist und was es noch zu tun gibt. Eine der Stationen war eine neue Kindertagesstätte, die kurz vor der Fertigstellung steht. Foto: Stadt Walldorf

Fast schon ein Katastrophen-Mahnmal könnte die alte Maria-Hilf-Brücke aus dem Jahr 1910 sein, die die Flut im Kurpark „abgelegt“ hat. „Wir vom Ortsbeirat hätten gerne, dass sie hier liegen bleibt“, sagt Richard Lindner. „Hier kann man den Leuten erklären, wie es nach der Flut ausgesehen hat.“ Doch der städtische Gemeinderat habe entschieden, dass sie „leider, leider“ weg müsse.

Aufschlussreich ist für die Walldorfer Delegation am letzten Tag auch der Besuch des Regierungsbunkers, der von 1962 bis 1971 zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler und Dernau in Tunneln einer nie fertiggestellten Eisenbahnstrecke gebaut worden ist. Er sollte, etwa bei einem atomaren Angriff, Ausweichanlage für die Bundesregierung sein und hätte für 30 Tage bis zu 3000 Menschen beherbergen können. Von der einst 17,3 Kilometer großen Bunkeranlage, die nach dem Ende des Kalten Krieges stillgelegt wurde, sind heute noch 203 Meter als Dokumentationsstätte zu besichtigen.