14.10.2026, Startseite
Die Magie des Stummfilms lebt
Pianist Jens Schlichting begleitete die bewegten Bilder musikalisch. Foto: Helmut Pfeifer
Ein Abend voller Nostalgie mit Pianist Jens Schlichting
Für die fünfte Veranstaltung der Walldorfer Musiktage unter dem Motto „125 Jahre Stadt Walldorf“ hatte sich Festival-Leiter Timo Jouko Herrmann etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Die Astoria-Halle verwandelte sich in einen Kinosaal, in dem sich Tastenkunst und Filmgeschichte ein Rendezvous gaben. Mit Pianist Jens Schlichting konnte Herrmann einen international gefragten Spezialisten für die einfühlsame Begleitung von Stummfilmen gewinnen. Auf dem Programm stand die Verknüpfung von lokaler Film-Historie und Meisterwerken der Stummfilmära mit Klavier-Improvisationen. Umrahmt wurden zwei Chaplin-Stummfilme und einer der ersten Kurzfilme mit zwei lokalen Aufnahmen mit Impressionen aus Walldorf aus den Jahren 1926 und 1930.
Pianist Schlichting sorgte nicht nur für die passende improvisierte Begleitung der Filme, sondern führte auch als eloquenter Moderator durch das Programm und spannte einen großen Bogen von Walldorf in die weite Welt und zurück. Als roter Faden diente ihm die spannende Lebensgeschichte von Johann Jakob Astor, der 1763 in Walldorf als Sohn des Dorfmetzgers zur Welt kam, in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, zuerst nach London und dann in die Vereinigten Staaten auswanderte und es in New York schließlich bis zum ersten Multimillionär Amerikas brachte.
Wahrscheinlich hatte Walldorf 1926 auch immer noch einen ähnlich dörflichen Charakter wie zu Astors Zeiten, auch wenn es inzwischen die Stadtrechte besaß. Über Impressionen aus dem Walldorfer Leben durfte sich das Publikum in dem ersten der im Stadtarchiv entdeckten Filme freuen. Ein richtiger Image-Film, wie Schlichting betonte. Man sah einen Bauer mit einem Pferdepflug, fröhliche Menschen, die ein Sommerfest in Heidelberg besuchen wollten, die Hauptstraße, das Rathaus, das Astor-Stift, die Apotheke, rennende Kinder sowie Wiesen und Felder rund um Walldorf. Wie in einer Zeitmaschine fühlte man sich um 100 Jahre in die Vergangenheit versetzt. Schlichtings virtuoses Klavierspiel verstand es wunderbar, die jeweiligen Stimmungen mit Tönen einzufangen, wie zum Beispiel mit dem sentimentalen Walzer gleich zu Beginn. Der Pianist betonte, dass seine Musik jedes Mal ein Unikat sei und er damit die Einzigartigkeit des Augenblicks einfange. Er selbst sehe die Filme auch jedes Mal anders, außerdem fließe die jeweilige Reaktion des Publikums in seine Musik mit ein.
Für Heiterkeit sorgte der Charlie-Chaplin-Film „Eine musikalische Karriere“ von 1914, eine klassische Slapstick-Komödie. Charlie und sein bulliger Kollege arbeiten in einer Musikhandlung und sollen ein neues Klavier an einen reichen Kunden ausliefern und ein unbezahltes Klavier von einem armen Kunden pfänden. Aufgrund eines Zahlendrehers der Hausnummern verwechseln sie aber die Kunden. Zahlreiche komische Szenen gaben Anlass zum Schmunzeln, besonders diejenige mit dem viel zu kleinen Eselkarren, mit dem das Klavier transportiert wird. Zeitweise schwebt der arme Esel wegen des völlig überladenen Karrens sogar in der Luft. In der legendären Treppen-Szene versuchen die beiden Arbeiter das Klavier eine endlos steile Außentreppe hochzuschleppen, wobei das Instrument und Charlie immer wieder abrutschen, was Schlichting mit großen Glissandi musikalisch darstellte. Am Schluss gerät das Klavier auf einer abschüssigen Straße außer Kontrolle. Charlie klammert sich an das rollende Instrument und landet mitsamt dem Klavier in einem See. Schlichting verstand es, die Handlung punktgenau in Töne zu übertragen. Er erwies sich nicht nur Begleiter, sondern selbst als Erzähler, der mit den unterschiedlichsten Stilmitteln wie schwebenden Melodien, aufbrausenden Klangkaskaden, dann wieder fröhlich sprudelndem Tastenklimpern und allerlei feinen Nuancen die verschiedensten Emotionen auszudrücken vermochte und komplett die fehlende Sprache ersetzte. Man vermisste sie zu keiner Zeit. Es entstand ein wunderbares harmonisches Gesamtkunstwerk, das die Zuhörer begeisterte.
Einen Bezug zu Johann Jakob Astor konnte Schlichting auch herstellen. Der berühmte Walldorfer Sohn wanderte zunächst als 16-Jähriger nach London aus, wo er im Geschäft seines Bruders Georg Peter Astor, der Holzblasinstrumente und Klaviere fertigte, arbeitete. Auch verbrachte er dort drei Jahre als Lehrling in der Firma John Broadwood & Sons, einem der weltweit ältesten und traditionsreichsten Klavierhersteller. Berühmte Komponisten wie Mozart, Beethoven und Liszt spielten und komponierten auf Instrumenten von John Broadwood & Sons. In London konnte er sich das Geld für seine Auswanderung nach Amerika verdienen und handelte dort zuerst mit Klavieren, bevor er mit dem Pelzhandel reich und berühmt wurde. Damit ergab sich die perfekte Überleitung zum Chaplin-Film „Der Einwanderer“ von 1917. Chaplin spielt hier einen „Tramp“, der per Dampfschiff über den Atlantik in die USA reist.
Der Pianist verstand es ausgezeichnet, die Wellen, das Schwanken des Schiffes und die seekranken Passagiere im schaukelnden Dreivierteltakt, gespickt mit vielen glitzernden Trillern und langen Läufen über die gesamte Tastatur einzufangen. Wurde es dramatisch, erklangen harte Tremolos. Bewegungen wie Hüpfen, Fallen, Rennen oder Schlagen wurden punktgenau lautmalerisch dargestellt. Im Restaurant trieb ein synkopierter Ragtime die Slapstick-Szenen voran. Teilweise nutze Schlichting auch jazzige Rhythmen und Harmonien und Dissonanzen für skurrile Begebenheiten. Doch die größte Kunst der Improvisation liegt in den Pausen und den leisen Tönen. Zum Beispiel dann, wenn die Musik Chaplins unerschütterlichen Humanismus inmitten einer rauen, kapitalistischen Welt mit einer bittersüßen zärtlichen Melodie untermalte.
Auch der Film „The Astor Tramp“ von 1899 hatte einen Bezug zur Familie Astor, denn die Geschichte um einen Tramp, der in das Herrenhaus der Astors in New York eindrang, sich dort in ein Bett legte und erst am nächsten Morgen schlafend entdeckt wurde, ist tatsächlich passiert. Der knapp zweiminütige Comedy-Film gehört zu den ältesten Filmen überhaupt und stellt diesen Vorfall humoristisch nach. Die Musik dazu erklang kontrastreich und humorvoll. Nach der Amerika-Reise ging es zurück nach Walldorf. Johann Jakob Astor starb 1848. In seinem Testament hatte er eine Stiftung für die Armen in Walldorf vorgesehen. Der Stiftungsbetrag belief sich auf 50.000 Dollar, was damals eine unvorstellbar hohe Summe war. Von dem Geld konnte das Astorhaus gebaut werden, das als Armen- und Waisenhaus diente. Der Film von 1930 zeigt einige besondere Ansichten wie die Straßenbahn vom Bahnhof Wiesloch-Walldorf ins Zentrum sowie historische Gebäude, darunter das Astorhaus und auch solche, die es heute gar nicht mehr gibt, wie das Hotel Astoria an der Drehscheibe oder das Gasthaus am Lindenplatz. Einen historischen Wert besitzt der Film auch deshalb, weil hier damalige Honoratioren wie Pfarrer Eiermann, Dekan Barth, Lehrer Hahn, Rektor Grimm, Musiklehrer und Organist Leutz und stadtbekannte Originale wie der „Louis“ oder auch „Äng Äng“ genannte Schienenputzer Ludwig Bucher und der „Wachtel“, Landwirt und Metzger Ludwig Winnes, der gerne hoch zu Ross durch Walldorfs Straßen ritt, gezeigt werden. Alle Walldorfer Szenen wurden wieder stimmungsvoll mit Musik untermalt. Am Ende gab es begeisterten Beifall für diesen wunderbaren nostalgischen Abend. Als Fazit bleibt: Die Magie des Stummfilms ist nicht tot, es braucht dazu nur die richtigen Hände am Klavier.
Carmen Diemer-Stachel