14.10.2026, Startseite

Ein orchestrales Feuerwerk

Das Ensemble Operone spielte zum Abschluss der Musiktage Festliches aus Barock und Klassik. Foto: Helmut Pfeifer

Festliches aus Barock und Klassik zum Abschluss der Musiktage

Mit einem Funken sprühenden, glanzvollen Abschlusskonzert in der evangelischen Stadtkirche endeten die Walldorfer Musiktage, die dem Jubiläum „125 Jahre Stadtrechte“ gewidmet waren. Festival-Chef Timo Jouko Herrmann hatte ein grandioses Programm mit virtuos-brillanten Festmusiken aus Barock und Klassik zusammengestellt. Das zahlreich erschienene Publikum durfte sich über einen Abend freuen, der pure Lebensfreude und beste Feierlaune verbreitete. Die international gefeierte Sopranistin Kateryna Kasper und das Ensemble Operone unter Herrmanns Leitung begeisterten die Zuhörer restlos.

Feierlich und schwungvoll eröffnete Georg Friedrich Händels festliche Ouvertüre zu „Il parnasso in festa“ den Abend. Sie wurde 1734 in London uraufgeführt und steht in der Tradition der französischen Ouvertüren. Würdevoll und majestätisch erklang der erste Satz, sprudelnd, frisch und tänzerisch der zweite. Wunderbar blitzte immer wieder das silberne und feine Glitzern des Cembalos (Wilke Lahmann) aus dem Orchesterklang heraus. Alles klang lebendig und unbeschwert. Die Violinen und Oboen jagten sich in flinken, virtuosen Läufen. Alle Instrumentengruppen waren in ein intensives sprudelndes Gespräch vertieft. Das Publikum durfte sich über einen herrlich transparenten Klang, eine differenzierte Dynamik und ein perfektes Zusammenspiel freuen. Offensichtlich war die Spielfreude, mit der die Musikerinnen und Musiker bei der Sache waren, angespornt von ihrem Dirigenten Herrmann, der stets alle Fäden souverän in den Händen hielt.

Auch Carl Heinrich Grauns 1747 uraufgeführte Sinfonia zu „Le feste galanti“ eignete sich als Festmusik. Nach dem getragenen Allegro, mit festlichen Hörnerklängen bereichert, und einem zarten Andante sprudelte das Presto lebendig und rasant dahin. Grauns Sinfonia repräsentiert den galanten, repräsentativen Stil Friedrichs des Großen, dessen Hofkomponist er war. Zu seinen Lebzeiten wurden diese Eröffnungsstücke für ihre Eleganz, Transparenz und melodische Anlage geschätzt. Schon wenig später änderte sich der Geschmack grundlegend und Grauns Sinfonien galten als altmodisch. Jetzt erst wird die großartige Musik Grauns wiederentdeckt. Herrmann hat daran einen großen Anteil, da er immer wieder dessen Werke in seine Programme aufnimmt und sie dem Dornröschenschlaf entreißt.

Noch unbekannter dürfte der aus Miltenberg stammende Joseph Martin Kraus, auch „Odenwälder Mozart“ genannt, sein. Seine Musik hat zwar mit der Mozarts recht wenig gemein, aber ihre Lebensdaten sind nahezu identisch. Kraus‘ Stil ist ein anderer, aber ebenso von großer musikalischer Qualität. Haydn bezeichnete ihn als „Genie“ und meinte, dass er „Vortreffliches“ geschrieben habe. Kraus machte am Hof des schwedischen Königs Gustav III. Karriere und wurde zum zweiten Hofkapellmeister ernannt. Festlich erklang seine 1782 komponierte Ouvertüre zur Kantate „Zum Geburtstage des Königs“. Ein furioser Auftakt mit vielen Trompeten-Fanfaren und Paukenwirbeln offenbarte eine große dynamische Energie. Im Kontrast dazu standen fröhlich beschwingte Melodien in den Streichern, die sich immer wieder dramatisch steigerten. Das Orchester ließ es nur so funkeln und sprühen, wobei die herrlichsten Klangfarben entstanden. Kraus‘ Musik ist hochemotional, dramatisch und ihrer Zeit weit voraus. Er gilt als einer der radikalsten und konsequentesten Vertreter des musikalischen „Sturm und Drang“.

Auch ein Werk von Antonio Salieri, mit dem sich Herrmann ausgiebig beschäftigt und über den er eine vielbeachtete Biographie verfasst hat, durfte nicht fehlen. In der geistlichen Motette „O mortales festinate“ für Sopran und Solo-Oboe und Orchester konnten Kateryna Kasper (Sopran) und Mercé Calderer Soriano (Oboe) mit wunderbaren Dialogen glänzen. Die um 1790 entstandene Motette hat einen frischen, freudigen und schwungvollen Charakter. Sie klingt nicht getragen wie sonstige sakrale Werke der Zeit, sondern erinnert eher an eine Opern-Arie. Auch der lateinische Text passt wunderbar zum Thema „Festmusiken“. Hier geht es ums freudige Feiern: „O Ihr Sterblichen beeilt euch, feiert diesen Festtag.“ Kasper beeindruckte mit ihrer klaren, warmen und ausdrucksstarken Sopranstimme. Mühelos meisterte sie die zahlreichen Koloraturen und gefiel mit beweglicher Stimme und strahlender Höhe. Makellos gestaltete sich das virtuose Zusammenspiel mit der Solo-Oboe, die als absolut gleichberechtigte Partnerin der Sängerin fungierte. Die Oboistin ließ ihr Instrument wie eine zweite Sopranstimme erklingen, meisterte die schnellen Sechzehntel-Läufe und Arpeggien federnd und tänzerisch. Mal warf sie der Sopranistin Phrasen zu, dann wieder griff die Sängerin Melodien der Oboe auf oder beide umspielten sich in Terzen und Sexten.

Während Sopran und Oboe für virtuosen Glanz sorgten, war das Ensemble Operone für das stabile Fundament verantwortlich. In der rein instrumentalen Einleitung und den Zwischenspielen konnte es dann seine volle Klangpracht entfalten. Festlich wurde es auch bei Christoph Willibald Glucks Sinfonia zu „Le feste d‘Apollo“ von 1769. Hier nutzt er die Struktur einer dreisätzigen italienischen Opern-Sinfonia. Heroisch und glanzvoll erklang das Allegro. Majestätische Akkorde, virtuose Streicherläufe, Trompeten-Fanfaren, Hörnerklänge und wirbelnde Paukenschläge schufen eine strahlende, triumphale Atmosphäre. Pastoral, lyrisch und intim erklang dagegen das Andante. Wunderbar gefühlvoll gelang es dem Orchester, eine arkadische Hirtenwelt entstehen zu lassen. Das schnelle virtuose Presto mit seinem typischen Kehraus-Charakter verbreitete eine ausgelassene Stimmung.

Große Begeisterung rief Wolfgang Amadeus Mozarts Motette „Exsultate, jubilate“ hervor. In dem 1773 entstandenen Werk verbindet Mozart den geistlichen Text mit dem glanzvollen, dramatischen Stil der italienischen Opera seria seiner Zeit. Ursprünglich für den berühmten Kastraten Venanzio Rauzzini geschrieben, stellt die Motette große Anforderungen an die Sängerin, da sie einen riesigen Tonumfang, große Intervallsprünge, schnelle Registerwechsel und perlende Koloraturen erfordert. Hier konnte Sopranistin Kasper glänzen und restlos beeindrucken. Sie meisterte alle technischen Herausforderungen mit Bravour, vernachlässigte dabei aber keinesfalls die emotionale Tiefe. Mit strahlender Höhe und extremer Beweglichkeit der Stimme ließ sie den Jubelgesang im „Exsultate“ erschallen. Anrührend erklang das „Tu virginum corona“, ein inniges liedhaftes Gebet. Kasper gelang es, mit zarten getragenen Legato-Bögen und ihrem engelsgleichen, über allem schwebenden Gesang eine andächtige Stimmung entstehen zu lassen, die zu Herzen ging. Jubelnd erklang das überschäumende „Alleluja“ mit seinen rasanten Läufen und Koloraturen. Bravourös meisterte Kasper diesen anspruchsvollen „stimmlichen Hochseilakt“. Erstaunlich, wie sie die langen Phrasen ohne hörbares Luftholen bewältigte. Auch das Orchester leistete Vortreffliches und erwies sich als gleichwertiger Partner der Sängerin.

Kaum waren die letzten Töne verklungen, brach sich die Begeisterung des Publikums in Bravo-Rufen und tosendem Beifall Bahn. Für einen fulminanten Schlusspunkt sorgte Joseph Martin Kraus‘ Schluss-Chaconne aus der Oper „Aeneas i Carthago“ von 1792, in der der Farbenreichtum des Orchesters voll zur Geltung kommen konnte. Das Publikum erlebte ein regelrechtes orchestrales Feuerwerk. Das Werk beeindruckte mit für die damalige Zeit ungewöhnlichen Harmonien und einer großen emotionalen Wucht. Besonders das grandiose Finale mit seinen dramatischen Steigerungen, Trompeten-Fanfaren und Trommelwirbeln zog das Publikum mit in einen unaufhaltsamen Sog. Die Musik verdichtete sich von Variation zu Variation in immer komplexere Rhythmen. Das erzeugte eine spürbare körperliche Spannung im Zuschauerraum, die sich am Ende mit begeistertem Applaus, stehenden Ovationen und Bravo-Rufen Luft verschaffte.

Carmen Diemer-Stachel