30.09.2026, Startseite

„Eine spannende Zeit zwischen Tradition und Zukunftswillen“

Experten-Talk zum Thema der Musiktage: Markus Imbsweiler (li.) und Timo Jouko Herrmann. Foto: Helmut Pfeifer

Musiktage-Talk mit Marcus Imbsweiler und Dr. Timo Jouko Herrmann

Trotz herrlichen Spätsommerwetters hatten sich zahlreiche interessierte Zuhörer zum Musiktage-Talk ins JUMP-Café begeben. In heimeliger Atmosphäre bei Kaffee, Tee und Gebäck, gemütlich an kleinen Tischen sitzend, lauschten die Besucherinnen und Besucher dem lockeren und aufschlussreichen Gespräch zwischen Dr. Timo Jouko Herrmann, dem Initiator und künstlerischen Leiter der Musiktage sowie Musikbeauftragten der Stadt, und dem Schriftsteller und Musikwissenschaftler Marcus Imbsweiler.

Im Mittelpunkt der Musiktage steht das 125-jährige Jubiläum der Verleihung der Stadtrechte an Walldorf durch Großherzog Friedrich I. von Baden im Jahr 1901. Herrmann und Imbsweiler nahmen dies zum Anlass, einen Blick auf die Musik an der Schwelle zum 20. Jahrhundert zu werfen, laut Herrmann „eine spannende Zeit zwischen Tradition und Zukunftswillen“. Bevor die musikalische Spurensuche begann, begrüßte Bürgermeister Matthias Renschler die beiden „Hauptdarsteller“ und das Publikum herzlich.

Was ist zu dieser Zeit musikalisch passiert, was hatte von der Tradition noch Bestand und welche jungen „Feuerköpfe“ wirkten schon weit in die Moderne hinein? Diesen spannenden Fragen wollten die beiden Musikwissenschaftler auf den Grund gehen. Laut Imbsweiler eine „Quadratur des Kreises“, denn vieles mussten sie aus zeitlichen Gründen weglassen. Im Wesentlichen blickten sie auf die klassische Musik und auf deutsche und österreichische Komponisten. Es lag auf der Hand, Werke zu präsentieren, die um 1901 herum entstanden waren, und zu untersuchen, was diese Werke über die damalige Zeit, über Denken, Probleme, Konflikte, Wünsche und Hoffnungen verraten.

Als erstes Musikbeispiel durfte das Publikum das „Lied an den Mond“ aus Antonin Dvoráks Oper „Rusalka“, die 1901 uraufgeführt wurde, hören, bis heute die bekannteste und beliebteste tschechische Oper. Dvorák vertonte hier einen hochromantischen Stoff, eine Erlösungsgeschichte über eine Seejungfrau, die sich in einen Menschen verliebt. Er ist damit ein Vertreter der Tradition, der die Hochromantik noch bis ins 20. Jahrhundert kompositorisch weitergetragen hat, wie auch Max Bruch oder Camille Saint-Saëns. Warum war die Romantik noch bis zum ersten Weltkrieg so populär? Imbsweiler erklärte es damit, dass technischer Fortschritt und Rationalität eine Gegenbewegung hervorriefen, eine Sehnsucht nach Romantik und nach dem, was in dieser technischen Welt zu kurz kam, nämlich nach Gefühlen, nach dem Zwischenmenschlichen. Aber Dvorák ist nicht nur rückwärtsgewandt. Er benennt auch verschlüsselt die Probleme der Zeit. Rusalka muss der Hexe ihre Stimme dafür geben, dass sie ein Mensch werden und eine Seele haben kann. Sie ist stumm unter Menschen. Diejenigen, die Gefühle haben und bereit sind, diese zu leben, haben keine Sprache in dieser modernen technisierten Welt. Und wenn Rusalka ein Mensch wird, ist sie nicht mehr bei sich, nicht mehr mit der Natur verbunden.

Neben den Bewahrenden gab es aber auch verschiedene Gegenströmungen, einen Drang zur Moderne. Anfang des 20. Jahrhunderts übte ein Drama eine ungeheure Anziehungskraft auf Komponisten aus und wurde mehrfach vertont: „Pelléas et Mélisande“, ein Schauspiel von Maurice Maeterlinck über die verbotene, todgeweihte Liebe der beiden Titelgestalten. Es gilt als Hauptwerk des Symbolismus. Pelléas und Mélisande lieben sich, ohne sich wirklich darüber im Klaren zu sein. Mélisande ist aber mit Pelléas‘ Bruder verheiratet. Der eifersüchtige Ehemann erschlägt deshalb seinen Bruder. Daraufhin stirbt auch Mélisande. Die Handlung an sich ist nicht wichtig, sondern steht für die Gefühle, Intentionen, Traumata, Verletzungen. So werden vor allem Stimmungs- und Raumbilder erzeugt, die sich assoziativ aneinanderreihen. Claude Debussy vertonte diesen Stoff in seiner Oper „Pélleas et Mélisande", die 1902 uraufgeführt wurde. Das Publikum durfte einen Ausschnitt vom Ende des dritten Aktes hören. Debussy suchte neue Ausdrucks- und Gestaltungsweisen. Die Musik zeigt, was die Handlungen symbolisch verraten sollen. Er behandelt die Singstimmen deklamatorisch und geht von der Sprachmelodie aus. Hier gibt es keine großen Linien und kunstvollen Koloraturen mehr, keine Folien, auf der sich die Sänger ausbreiten können. Das Orchester hat die Aufgabe, die Gefühlsebene zu zeigen, erklärte Herrmann. Orchester und Sänger sind keine Einheit mehr.

Auch der junge Arnold Schönberg vertonte den Stoff. Seine sinfonische Dichtung „Pelleas und Mélisande“ op. 5 entstand 1902/03. Hier erzählt das Orchester das Geschehen mithilfe der Leitmotivtechnik. Der Orchesterapparat ist riesig. Es gibt neue Klangfarben wie Posaunen-Glissandi und moderne Gestaltungsmittel wie Ganztonleitern und Quarten-Akkorde, alles Modelle um die traditionelle Dur-Moll-Dualität zu überwinden. Als Musikbeispiel bekam das Publikum „Melisandes Tod“ zu hören. Diese Musik hatte es damals schwer, kaum einer hat sie verstanden. Ein Kritiker schlug sogar vor, man solle Schönberg in eine Irrenanstalt einweisen und Notenpapier außerhalb seiner Reichweite aufbewahren.

Als nächstes Musikbeispiel erklang Richard Strauss‘ „Des Helden Walstatt“ aus der sinfonischen Dichtung „Ein Heldenleben“ (1898) op. 40. Bei Strauss sei die Ambivalenz, die in dieser Zeit herrschte, gut zu spüren, erläuterte Herrmann. Zum einen die große Tradition aus dem 19. Jahrhundert und andererseits der Drang, neue Wege zu suchen. Imbsweiler wies darauf hin, dass sich Strauss 1901 in einer Zwischensituation zwischen Auflehnung und Anpassung befand. Bombastische Klänge, ein gigantischer Orchesterapparat, Fern-Trompeten, die im Saal verteilt wurden und dann wieder zartere Klänge, die an Filmmusik erinnerten, wirkten beeindruckend. Auch die Tonalität stellt er hier durchaus in Frage.

Strauss hat aber auch eine andere Seite. 1901 wurde die Heidelberger Stadthalle geplant und 1903 fertiggestellt. In diesem Jahr wurde dort Strauss‘ Chor-Ballade „Taillefer“ op. 52 anlässlich seiner Erlangung der Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg uraufgeführt. Mit dem riesigen Orchester, den Solisten und dem Chor standen rund 200 Personen auf der Bühne. Diese Musik ist sehr konventionell, historistisch, schwülstig, ein Repräsentationsstück. Kann man sich eine Musik vorstellen, die beide widerläufigen Tendenzen in sich aufnimmt? Gustav Mahler sei der ideale Repräsentant dafür, fand Imbsweiler. Ein Komponist, der wie eine Art Synthese fungiere. Zwei Musikbeispiele (die Anfänge des 1. und 2. Satzes) aus Mahlers 1901 uraufgeführter 4. Sinfonie G-Dur konnten das beweisen. In beiden ist Rück- und Vorausschau zu erkennen. Zum ersten Mal werden Schellen im Orchester eingesetzt. Die scheinbare nette „Kinderspielmusik“ entpuppt sich innerhalb kürzester Zeit als eine Art Collage aus verschiedenen raffinierten, ineinander verschachtelten musikalischen Bausteinen. Die schöne Melodie stammt aus dem 19. Jahrhundert, aber was daraus gemacht wird, ist modern. Das Scherzo erweist sich als grotesker Walzer. Gestopfte Hörner, „krumme Triller“, „ein schmieriges Geigensolo“, alles befindet sich laut Herrmann in einer Schieflage, kurz vor dem Entgleiten. Es klingt zeitweise wie Volksmusik und ist doch keine. Es gibt keine Bassstimme, keinen Boden. Alles ist stilistisch verformt und verzerrt. Das ist Mahlers Art, diesen schwierigen Aufbruch in die Moderne mit dem ganzen „Rattenschwanz“ der Vergangenheit, der noch daran hängt, musikalisch darzustellen, schlussfolgerte Imsbweiler. Mit diesen interessanten Musikbeispielen verabschiedeten sich die beiden Musikwissenschaftler vom begeisterten Publikum, das nicht mit Applaus für diesen unterhaltsamen und informativen Musiktage-Talk sparte.

Carmen Diemer-Stachel