08.10.2026, Kultur & Freizeit
Erinnerungen an eine musikalische Familie
Das Leopold Ensemble entführte im Rahmen der Musiktage in den Salon der Mannheimer Geissmar. Foto: Helmut Pfeifer
Das Leopold Ensemble begeisterte mit Musik aus dem Salon der Familie Geissmar
Für die vierte Veranstaltung der Musiktage, diesmal in der Laurentiuskapelle, konnte Dr. Timo Jouko Herrmann, Initiator und künstlerischer Leiter der Konzertreihe, das Leopold Ensemble mit Sabine Goetz (Sopran), Jeanette Pitkevica (Violine), Martin Vogel (Klarinette) und Alexander Fleischer (Klavier) gewinnen. Die Künstler hatten ein abwechslungsreiches und inspirierendes Programm zusammengestellt. Herrmann übernahm die Moderation und versorgte die Zuhörer mit vielen interessanten Informationen.
Im Fokus stand die Musik, die zur Zeit der Erlangung der Stadtwürde Walldorfs in den damals beliebten Salons gespielt wurde. Überall in den großen Städten entwickelte sich an der Schwelle zum 19. Jahrhundert ein bürgerliches Musikleben und es entstanden Salons, in denen musiziert, rezitiert und diskutiert wurde. Der halböffentliche Charakter dieser Salons machte sie zu geschützten Räumen, wo junge Talente die Gelegenheit bekamen, sich zu präsentieren und mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Auch in Mannheim existierten solche Salons. Bei der jüdischen Familie Geissmar trafen sich Kunstschaffende aus nah und fern und musizierten zusammen. Der Familienvater und Rechtsanwalt Leopold Geissmar war ein hervorragender Violinist und Bratschist, außerdem besaß er eine große Sammlung von wertvollen Streichinstrumenten, die sich die Gäste ausleihen durften, darunter eine Stradivari, die „Vieuxtemps Stradivarius“. Die Familie Geissmar war bis zum Ersten Weltkrieg eine Größe im musikalischen Leben der Stadt Mannheim. Hier konnte man Richard Strauss oder Wilhelm Furtwängler und andere bekannte Musiker treffen. Einen Einblick in die Welt dieses Salons verdanken wir den Lebenserinnerungen von Berta Geissmar, der Tochter des Hauses, aus denen Herrmann immer wieder zitierte.
Eröffnet wurde der Abend mit Gustav Mahlers „Erinnerung“. Innig und leidenschaftlich brachten es Sopranistin Goetz und Pianist Fleischer zum Klingen. Wunderbar wurde die Dialektik von lyrischer Zartheit und tiefen Abgründen offenbar. In diesem Lied wird deutlich, wie Musik Erinnerungen aufzuwecken vermag. Genau dies, nämlich die Erinnerungen an den Salon Geissmar wachzuhalten und die verblassenden Spuren dem Vergessen zu entreißen, ist die Intention des Leopold Ensembles, dessen Namenspate Leopold Geissmar ist. Geissmar liebte besonders Brahms und Mozart, aber auch neuere Kompositionen wurden in seinem Salon gespielt und es gab sogar Uraufführungen, wie die des ersten Quartetts des damals 15-jährigen Wilhelm Furtwängler.
Zwei Lieder von Robert Kahn, einem Mannheimer Komponisten, erfreuten anschließend das Publikum. Seine erste Violinsonate widmete er dem berühmten Geiger Joseph Joachim, der Gast im Salon Geissmar war. Joachim hatte übrigens zum Kauf der Stradivari geraten und auch gleich einen Tipp zum Reinigen des edlen Instruments von Kolophonium zur Hand: „Ich spucke einfach drauf, das ist die beste Methode, den Glanz des Lackes zu erhalten.“ Von da an, berichtete Berta Geissmar, reinigten sie ihre Instrumente nur noch nach dem Rat des großen Geigers. Kahns Lied „In der Mondnacht“ für Sopran, Violine und Klavier ist ganz im spätromantischen Gestus, in der Nachfolge von Johannes Brahms, geschrieben. Wunderbar lyrisch brachte Goetz die Stimmung der „Frühlingsmondnacht“ zum Klingen. Engelsgleich schwebte der Gesang über den farbigen und intimen Klangteppich der Instrumente. Joseph Joachim war nicht nur ein berühmter Geiger, sondern auch Komponist. Das Publikum durfte sich über seine Romanze für Violine und Klavier in B-Dur freuen, die Pitkevica und Fleischer mit viel Gefühl zu Gehör brachten. Die beiden Instrumente traten in diesem schwärmerischen Jugendwerk Joachims in einen feinsinnigen Dialog.
Zwei Lieder von Franz Lachner, einem engen Freund von Franz Schubert, folgten. Der heute kaum mehr bekannte Komponist war zeitweilig Kapellmeister in Mannheim und hat eine Vielzahl anspruchsvoller romantischer Kunstlieder hinterlassen. Lachner stellt hier der Singstimme und dem Klavier ein obligates Blasinstrument, meist eine Klarinette, zur Seite. Klarinettist Vogel ließ sein Instrument wunderbar kantabel wie eine zweite Stimme erklingen, die den Gesang umspielte. In „Seit ich ihn gesehen“ geht es um junge Frau, die sich frisch verliebt hat. Ein inniger Dialog entstand zwischen Sopranstimme und Klarinette. „Auf Flügeln des Gesangs“ nach dem Gedicht von Heinrich Heine ist in der Vertonung von Mendelssohn weltberühmt. Aber auch Lachners Komposition steht ihr in an melodischer Schönheit und romantischer Atmosphäre in nichts nach. Wunderbar harmonierten Sopranstimme, Klarinette und Klavier miteinander. Als tadellos erwies sich das anspruchsvolle Gleichgewicht zwischen Stimme und Instrumenten.
Das Ensemble bot in allen Besetzungen Kammermusik vom Feinsten. Die Künstler verstanden es, eine innige Intimität und eine behagliche Atmosphäre zu erzeugen, in die auch das Publikum, ganz wie in den Salons, miteinbezogen wurde. Zwei Lieder von Louis Spohr, ebenfalls in der ungewöhnlichen Besetzung für Singstimme, Klarinette und Klavier, erfreuten anschließend die Zuhörer. Wehmütig, aber auch dramatisch erklang die Klarinette in „Sei still, mein Herz“. Das treibende, unruhige Klavier imitierte das Klopfen des zwischen Hoffen und Bangen hin- und hergerissenen Herzens.
Großen Anklang beim Publikum fand das Rezitativ und Scherzo für Violine solo d-Moll von Fritz Kreisler. Virtuos ließ Pitkevica dieses hochkomplexe, tiefgründige und technisch extrem anspruchsvolle Werk erklingen. Mühelos meisterte sie extrem schwierige Doppelgriffe, rasche Wechsel, hohe Flageoletts und linkshändiges Pizzicato, ohne dabei den lyrischen Ausdruck zu vernachlässigen. Natürlich durften Lieder von Johannes Brahms, dem Lieblingskomponisten der Familie Geissmar, nicht fehlen. Berührend brachten Goetz und Fleischer das Lied „O wüßt ich doch den Weg zurück“, das vom schmerzlichen Heimweh nach der Kindheit handelt, zum Klingen. Das Klavier erwies sich stets als gleichwertiger Partner der Gesangsstimme. Die Sopranistin punktete mit schlanker Stimmführung, sicherer Höhe, guter Textverständlichkeit und Natürlichkeit.
In „An die Nachtigall“ vereinen sich zarte Naturstimmung mit innigem psychologischem Ausdruck. Fleischer verstand es, mit flatternden, schwebenden oder wiegenden Figuren auf dem Klavier die Bewegungen der Nachtigall nachzuahmen. Geschmeidig meisterte Goetz den Wechsel von zarter Bitte zu inniger Regung. Tiefen Eindruck hinterließ das Lied „Morgen!“ von Richard Strauß. Dieses stille und berührende Lied erzählt von einem möglichen Neuanfang, denn jeden Morgen geht die Sonne erneut auf. Die wunderbare innige Geigenmelodie und der schwebende Gesang gingen zusammen mit der einfühlsamen Klavierbegleitung zu Herzen. Auch Wolfang Amadeus Mozart, ein weiterer Lieblingskomponist der Geissmars, durfte nicht fehlen. Das bewegende Adagio aus dem Klarinettenkonzert A-Dur gestaltete Klarinettist Vogel mit warmer, gesanglicher Phrasierung, fließendem Atem und großer Ausdruckskraft.
Die Arie „L‘ameró, saró costante“ aus der Oper „Il re pastore“ setzte einen stimmigen Schlusspunkt unter das ansprechende Programm. Wunderbar gestaltete sich der Dialog zwischen Singstimme und Solovioline. Fleischer erwies sich wie immer als virtuoser und einfühlsamer Begleiter. Begeisterten Applaus gab es für dieses schöne Konzert, das ganz sicher mehr Zuhörer verdient gehabt hätte. Ohne Zugabe ließ das Publikum das Ensemble aber nicht ziehen. Mit dem zarten „Wiegenlied in drei Tönen“ von Louis Spohr standen erstmals alle vier Künstler dank eines eigenen Arrangements gleichzeitig auf der Bühne und entließen die Zuhörer beglückt in die Nacht.
Carmen Diemer-Stachel