28.09.2026, Startseite

Lebendige Reise in die Geschichte der Stadt

Mit einer szenischen Lesung und dazu passender Musik tauchten die Gäste im Rathaus in die lange und spannende Geschichte der Stadt Walldorf ein. Foto: Helmut Pfeifer

Szenische Lesung im Rathaus zum Auftakt der Walldorfer Musiktage

Eine Geschichtsstunde muss nicht langweilig sein. Wenn es dafür eines Beweises bedarf, liefern ihn die Akteure des Theaters Forum84 und der Heimatfreunde am Samstagabend mit ihrer szenischen Lesung „Walldorf – Der lange Weg zur Stadt“. Im mit gut 140 Menschen vollbesetzten Rathaus-Foyer blicken sie aus Anlass des Jubiläums „125 Jahre Stadtrechte“ auf die wichtigsten Ereignisse der städtischen Historie zwischen der ersten urkundlichen Erwähnung im Lorscher Codex (im Jahr 770) und der Erhebung zur Stadt durch Großherzog Friedrich I. (1901). Gustl Riemensperger, der den Text nach Quellen von Klaus Ronellenfitsch und Jürgen Herrmann verfasst, wählt die Ereignisse klug aus, verknüpft sie geschickt mit der Weltgeschichte und findet mit dem richtigen Quäntchen Humor einen immer unterhaltsamen Ton. Ergänzt wird die Lesung durch adäquate Musik: Der städtische Musikbeauftragte Dr. Timo Jouko Herrmann hat das Werk „Die fünf W für fünf Streichinstrumente“ komponiert und bringt es mit einem fünfköpfigen Ensemble zur Uraufführung. Nicht zuletzt deshalb ist der Abend auch die Auftaktveranstaltung für die Walldorfer Musiktage.

Bürgermeister Matthias Renschler sagt in seiner Begrüßung: „Geschichte ist nie einfach nur eine Abfolge von Jahreszahlen und Ereignissen. Geschichte lebt von Geschichten. Sie lebt von Menschen, von Entscheidungen, von Hoffnungen, von Mut und manchmal auch von Entbehrungen. Und genau deshalb ist ein Abend wie dieser so wertvoll: Er macht Vergangenheit erfahrbar. Er zeigt uns, woher wir kommen, und vielleicht auch ein Stück weit, was uns bis heute verbindet.“ Passend dazu heißt es eine Dreiviertelstunde später am Ende der szenischen Lesung: „Walldorf – eine Entwicklung vom Hügelgrab zur Stadt. Ein Ort, der Kriege, Brände und Hungersnöte überstand. Ein Ort, der immer wieder neu begann. Und der uns bis heute lehrt: Heimat ist nichts, was man hat – Heimat ist das, was man immer wieder neu erschaffen muss.“

„Lassen Sie uns gemeinsam eintauchen in die Geschichte unserer Stadt“, starten die Lesenden aus den Reihen der Heimatfreunde und des Forums, Charlotte Offermann, Claudia Dinter, Marten Kopf, Beate Lesser, Klaus Ronellenfitsch und Gustl Riemensperger, ihre Reise durch mehr als zwölf Jahrhunderte. Sie streifen die tiefste Vergangenheit, von der schon 800 vor Christus Hügelgräber im Hochholz zeugen, denen tausend Jahre später Spuren römischer Villen und Landgüter folgen, ehe im sechsten Jahrhundert die Franken siedeln. Allerdings: Schriftlich belegt ist davon nichts. Das ändert sich 770, als der Geistliche Walram seine Besitztümer, unter anderem in „Waltdorf“ gelegen, dem Kloster Lorsch vermacht. Wie der Text der Lesung feststellt: Eine „fromme Schenkung, festgehalten für die Ewigkeit“.

Spannend der Blick ins Mittelalter, als die Siedlung immer wieder den Besitzer wechselt: König Heinrich VII. übergibt sie 1230 dem Pfalzgrafen Otto, Walldorf wird für fast 600 Jahre kurpfälzisch. 1323 verpfändet Pfalzgräfin Mechthild den Ort an den Grafen Württemberg, kurz darauf werden große Teile dem Bistum Speyer als Pfand übertragen. Schlimm: 1462 brennen kaiserliche und württembergische Truppen das Dorf nieder. Kriege und Verwüstung dominieren auch das 17. Jahrhundert. Eine nette Randnotiz: Der Grabstein der 1357 verstorbenen Äbtissin Adelheid steht noch heute in Lobenfeld. Bemerkenswert: 1544 erwähnt der Gelehrte Sebastian Münster (dessen Konterfei die Älteren vom 100-Mark-Schein kennen) Walldorf in seiner „Cosmographia“, dem damals nach der Bibel am weitesten verbreiteten Buch. Zum Schmunzeln: Dass in der ersten Schule Walldorf 1573 zwölf Knaben auf den harten Bänken sitzen, verleitet den Lesungstext zur rhetorischen Frage: „Keine Mädchen?“ Und zur launigen Antwort: „Alle auf dem Gymnasium in Wiesloch.“

An fünf Stellen erklingt zwischendurch die perfekt passende Musik, die von Britta Hofmann, Timo Jouko Herrmann (beide Violine), Kathrin Lustig (Voila), Valeria Lo Giudice (Violoncello) und Paul Cervenec (Kontrabass) dargeboten wird. Komponist Herrmann hat von der Zahl fünf die Verbindung zu den „fünf Walldorfer W“ geknüpft, die Pfarrer Adam Stumpf 1734 auf der historischen Inschrift neben dem katholischen Pfarrhaus verewigt hat: Wald, Weide, Wasser, Wein und Weizen, die aus seiner Sicht fünf elementaren Lebensgrundlagen und Reichtümer des Ortes. Herrmann legt die Begriffe assoziativ den fünf Stücken zu Grunde: Es erklingen dunkle Mixturklänge für den schattigen Wald, typisch pastorale Rhythmik für die Weide, perlende Pizzicati fürs Wasser, taumelnde Gesten für den Wein und wogende Motive für die Weizenfelder. Fünf Musiker spielen fünf Instrumente, zusätzlich erlaubt sich der Komponist eine „kleine musikalische Spielerei am Rande“, wie er selbst sagt: „Das Hauptmotiv oder Motto der fünf Stücke ist von den Noten her so gestaltet, dass sich auch visuell ein W ergibt, wenn man die Notenköpfe mit einer Linie verbinden würde.“

Die Lesung erzählt die Geschichte bis zur Stadterhebung, das begeisterte Publikum spendet lauten und lang anhaltenden Applaus, vielfach ist der Wunsch zu hören, dass das nicht die einzige Aufführung von Text und Musik bleiben darf. Bürgermeister Matthias Renschler dankt allen Beteiligten für eine ebenso berührende wie lebendige Reise in die Geschichte der Stadt: „Was hier auf die Beine gestellt wurde, ist weit mehr als ein Blick zurück in vergangene Zeiten. Es ist eine Einladung, Walldorf neu zu entdecken — als Ort mit einer langen Geschichte, mit Brüchen und Aufbrüchen, mit Herausforderungen, mit Erfolgen und Menschen, die unsere Stadt über Generationen hinweg geprägt haben.“

Programm der Walldorfer Musiktage