08.10.2026, Startseite
Mit Charme, Verve und Spielfreude
Das Rathaus verwandelte sich für die Musiktage in einen Konzertsaal. Tenor Thomas Dorn und das Ensemble Operino widmeten sich Telemanns „Singender und klingender Geografie“. Foto: Helmut Pfeifer
Tenor Thomas Dorn und das Ensemble Operino begeistern mit musikalischem Geografie-Unterricht
Wenn vor dem Rathaus der rote Teppich ausgerollt wird, weiß man, dass die Musiktage, die in diesem Jahr unter dem Motto „125 Jahre Stadt Walldorf“ stehen, begonnen haben. Für die dritte Veranstaltung, aber das erste Konzert verwandelte sich das Atrium des Verwaltungsgebäudes in einen stimmungsvoll in blau-violettes Licht getauchten Konzertsaal. Dr. Timo Jouko Herrmann, Initiator und künstlerischer Leiter der Musiktage, hatte sich etwas ganz Besonderes für das Auftakt-Konzert einfallen lassen: Auf dem Programm stand die „Singende und klingende Geografie“ von Georg Philipp Telemann.
Manch einer mochte sich fragen, was dieses Werk und der Barock-Komponist Telemann mit dem Walldorfer Stadtjubiläum zu tun haben. Darauf hatte Herrmann, der das Publikum mit interessanten musikwissenschaftlichen Informationen versorgte, natürlich eine Antwort. Walldorf sei eine weltoffene Stadt, in der Menschen aus vielen unterschiedlichen Nationen leben. In seiner „Singenden und klingenden Geografie“ beschäftige sich Telemann intensiv mit der Musik verschiedener Völker und mache sein Publikum mit den Eigenheiten anderer Kulturkreise bekannt. Und damit ergebe sich durchaus eine Verbindung.
Zunächst entstand 1708 die „Singende Geografie“, eine Sammlung aus 36 Liedtexten. Johann Christoph Losius, Rektor des Hildesheimer Gymnasiums Andreanum, hatte ein Geografielehrbuch, in dem alle wichtigen Länder, Städte und Dörfer mit ihren Besonderheiten aufgelistet werden, in gereimter Sprache verfasst. Zusätzlich ließ er den jungen Georg Philipp Telemann, von dessen musikalischem Talent er gehört hatte, als Schüler an sein Gymnasium holen und bat ihn, seine Gedichte zu vertonen. Er hoffte, dass den Schülern so der trockene Stoff leichter im Gedächtnis bleiben würde.
Lange Zeit galt Telemanns frühe Komposition als verschollen. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckte man ein Exemplar von Losius‘ Buch, in das die handschriftlichen Noten von Telemanns Liedern eingebunden waren. Als der Musikwissenschaftler Adolf Hoffmann 1959 die Liedersammlung „Singende Geografie“ herausgab, ergänzte er sie um eine instrumentale Version, die er „Klingende Geografie“ nannte. Hier stellte er Sätze und Tänze aus Telemanns Orchestersuiten, die sich einzelnen Ländern oder Kontinenten zuordnen ließen, zusammen. Telemann war zumindest musikalisch ein richtiger Globetrotter und hatte sich ausgiebig mit den Charakteristika der länderspezifischen Musikstile befasst.
Eine Auswahl der selten aufgeführten, wunderbaren kleinen musikalischen Juwelen brachten das Ensemble Operino, das auf historischen Instrumenten spielte, und Tenor Thomas Dorn anmutig zum Klingen. Die Lieder sind schlicht und deklamatorisch gehalten. Sie wechselten sich mit den dazu passenden Instrumentalstücken ab und so ergab sich ein stimmiges Ganzes, eine wunderbare programmatische Einheit. Mit Charme, Verve und offensichtlicher Spielfreude und in einer außergewöhnlich farbenreichen Instrumentierung mit zwei Geigen (Britta Hofmann, Timo Jouko Herrmann), Viola (Sophia Reis), Violoncello (Johannes Kasper), Kontrabass (Alexis Scharff), Laute (Emanuel Treutwein) und Cembalo (Wilke Lehmann) hauchte das Ensemble Telemanns Musik Leben ein. Ein wunderbar transparenter, dynamisch fein gestalteter und homogener Klang entstand.
Den Auftakt machte die Ouvertüre „Les Nations“. Telemann charakterisiert hier musikalisch die verschiedenen Nationen im französischen Stil mit Humor und naturalistischer Frische. Tenor Dorn brachte die Lieder mit seiner schönen, beweglichen, klaren und natürlichen Tenorstimme zum Klingen. Begleitet wurden die Lieder von einer Continuo-Gruppe, meist Cembalo, Kontrabass, Cello und Laute. Während in den Liedern Städte, Regionen und Flüsse deklamatorisch aufgezählt werden, wobei Dorn mit sehr guter Textverständlichkeit und Diktion punktete, charakterisiert Telemann die einzelnen Länder in den instrumentalen Stücken mit dem jeweils typischen musikalischen Stil. So wird die Schweiz stolz und pompös mit einem Grave, Frankreich elegant mit einem höfischen Menuett und die Britischen Inseln mit einer beschwingten Gigue mit vielen leeren Saiten und schrammenden Bässen dargestellt.
In „Les Moscovites“ imitiert Telemann das mächtige Glockengeläut der Moskauer Kirchen mit den hämmernden Rhythmen einer unerbittlichen, fast hypnotisch wirkenden Bass-Akkordfolge. Dazu erklingen die Oberstimmen oft synkopisch und harmonisch diffus. Das Ensemble Operino brachte dieses exotische, fast etwas barbarisch klingende Stück mit viel Temperament zu Gehör. Als ebenso exotisch erwies sich „Les Turcs“. Diese wilde Musik, rhythmisch markant mit ungewöhnlichen harmonischen Verbindungen, einer teilweise taktverschleiernden Rhythmik und perkussiven Effekten beeindruckte das Publikum. Telemann imitiert hier den Klang der berüchtigten osmanischen Janitscharen-Militärmusik. Die Streicher ließen ihre Instrumente perkussiv und akzentuiert erklingen, sodass der Eindruck von wirbelnden Trommeln und klirrenden Becken entstand. Die Musikerinnen und Musiker waren mit offensichtlichem Vergnügen bei der Sache.
Während Telemann die Osteuropäer und Türken eher rau und rhythmisch darstellt, schlägt er bei den Portugiesen sanftere Töne an. Dem streng homophonen langsamen ersten Teil mit rhythmischen Verschiebungen folgt ein zweiter im Stil einer Bourée mit bewegten Mittelstimmen und einer schwelgenden, fast sehnsüchtigen Melodieführung der Violinen. Spanien klingt überraschenderweise gar nicht feurig, sondern sehr edel und getragen. Eine royale Sarabande, stolz und höfisch, charakterisierte wahrscheinlich den konservativen spanischen Hof. Mit einem sakralen Anklang, nämlich dem Choral „Nun ruhen alle Wälder“, an dem alle Künstler mitwirkten, endete die vergnügliche musikalische Geografiestunde andächtig und zu Herzen gehend. Das Publikum zeigte sich begeistert und sparte nicht mit Applaus. Im Anschluss waren alle zu einem kostenlosen Umtrunk eingeladen und hatten dabei die Gelegenheit, mit den Künstlern ins Gespräch kommen.
Carmen Diemer-Stachel