18.08.2026, Startseite

„Wenn die sich zusammenschließen, müssen wir das auch tun“

Das Bild zeigt Dr. Michael Haas und das Publikum.

Dr. Michael Haas informiert mit seinem Vortrag über die Große Drüsenameise. Foto: Stadt Walldorf

Experten informierten über die Große Drüsenameise

Damit hatten selbst die Verantwortlichen nicht gerechnet: Das Interesse an der Informationsveranstaltung der Stadt zur Großen Drüsenameise (Tapinoma magnum) in der Astoria-Halle war so groß, dass kurz vor Veranstaltungsbeginn noch Stühle aufgestellt werden mussten. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits über 100 Interessierte gekommen, selbst Vertreter anderer Kommunen waren vor Ort.

Das Thema erfahre große Aufmerksamkeit, bemerkte Alena Müller, Fachbereichsleiterin Ordnung und Umwelt, in ihrer Begrüßung. Sie stellte die Experten Dr. Michael Haas vom Institut für Schädlingskunde und Björn Kleinlogel, Geschäftsführer der Firma Schädlingsbekämpfung Kleinlogel, vor. Die Firma war kürzlich mit der Bekämpfung auf öffentlichen Flächen in Walldorf beauftragt worden. Außerdem bedankte sie sich bei Benedikt Seelbach und Luzian Schäfer, beide Mitarbeiter des Fachdienstes Umwelt, für die Organisation des Abends.

Dr. Michael Haas, der als Biologe arbeitet, gab in seinem Vortrag zunächst einen Überblick über die 127 heimischen Ameisenarten, von denen 44 Prozent auf der Roten Liste als gefährdet eingestuft sind. Außerdem gebe es neun eingeschleppte Arten, die ursprünglich in anderen Ländern heimisch seien. Die Große Drüsenameise sei eine davon.

Anders als ihr Name vermuten lässt, ist sie nur zwei bis vier Millimeter groß. Haas erläuterte die optischen Merkmale der Großen Drüsenameise und wie sie sich von heimischen Arten unterscheidet. Kurz vor Beginn der Veranstaltung habe er noch einige lebende Exemplare auf dem Friedhofsgelände eingesammelt und in Röhrchen mitgebracht, die er den Gästen zur Begutachtung reichte. Auffällig sei vor allem der Größenunterschied der Tiere innerhalb einer Kolonie, so der Experte. Ein solches Merkmal komme bei einheimischen Arten nicht vor.

Das Problem der Großen Drüsenameise sei, dass sie sogenannte Superkolonien mit vielen, teils mehreren hundert Königinnen bilde. Oft gingen von ihnen mehrspurig „befahrene“ Ameisenstraßen aus, die leicht zu erkennen seien. „Sie bevorzugen offene und sandige Habitate“, erläuterte Haas. Charakteristisch sei übrigens auch ihr Geruch, den der Biologe als fruchtig-chemisch bezeichnete. „Wer das einmal gerochen hat, vergisst das nicht mehr.“

Obwohl die Große Drüsenameise aus dem Mittelmeerraum stammt, sei sie sehr kälteresistent – bis zu minus 15 Grad. Seit 2009 ist die Art in Deutschland bekannt. Ihre Verbreitung sei menschengemacht: Vor allem über Pflanzen und Erde finde sie ihren Weg in den Fachhandel und von dort beispielsweise in Gärten oder auf Friedhöfe. Das Problem: Die Königinnen leben bis zu einem Meter tief im Boden, was oft dazu führt, dass Nester sich nach erfolgten Bekämpfungsmaßnahmen regenerieren können. Der Nest- und Straßenbau der Ameisen sorgt dafür, dass das Pflaster absinkt. Sie sei auch als „Gast“ in Häusern auf Nahrungssuche. Was die Verdrängung heimischer Arten angehe, sei ihr Potenzial noch nicht gut erforscht. Nach seiner bisherigen Erfahrung verdränge die Große Drüsenameise aber binnen einiger Jahre alle anderen Ameisenarten.

Auch in Walldorf breite sie sich seit Jahren aus. Einen starken Befall gibt es laut Dr. Michael Haas auf dem Friedhof. Auch die Gutenbergstraße und die Mathias-Hess-Straße sowie die Bereiche an der ehemaligen Baumschule und am Tom-Tatze-Tierheim seien betroffen. Ebenfalls bekannt seien Vorkommen im Forlenweg, in der Hans-Holbein-Straße und Carl-Spitzweg-Straße. Die Ameise siedle sich gerne unter Säcken oder Containern an, weil es dort besonders warm werde.
Zur Bekämpfung hatte der Experte einige Tipps parat. Wichtig sei, sich zu koordinieren und es der Ameise damit gleichzutun: „Wenn die sich zusammenschließen, müssen wir das auch tun“, so sein Ratschlag an betroffene Nachbarn. Wichtig sei, einen Experten zur Bekämpfung zu Rate zu ziehen. „Es ist eine Mammutaufgabe, man muss über einen langen Zeitraum dranbleiben“, dämpfte Haas überhöhte Erwartungen, die Ameise mit ersten Maßnahmen sofort und dauerhaft loszuwerden.

Das Heißwasser-Schaum-Verfahren habe sich als besonders effektiv erwiesen. Dabei werden die Tiere und Nester mit einem Wasser-Schaum-Gemisch von mindestens 45 Grad abgetötet. Die Methode sei umweltschonend und zeige eine deutliche Wirkung in den Nestern. Privat könne man auch einen Wasserkocher verwenden und das heiße Wasser in die Nester gießen. Dies erfordere einen regelmäßigen, am besten wöchentlichen Einsatz – auch im Winter. Dazu gebe es Locksteine und -fallen, Kontaktinsektizide, die die Königinnen allerdings nicht erreichen, Kieselgur, das sich gut als begleitende Maßnahme und einfach ausbringen lasse, sowie Nematoden (Fadenwürmer) der Art Steinernema feltiae, die als umweltschonende Methode helfen könnten, die Ameisenpopulation zu dezimieren.

Als prophylaktische Maßnahmen empfahl Haas, Asphalt rissfrei zu halten, Pflaster nicht auf Sand, sondern auf Split zu verlegen, auf dicht bepflanzte Baumscheiben sowie auf einen dichten und hohen Gartenbewuchs zu setzen und auf Schottergärten zu verzichten. Die Wiedereinschleppung der Ameise könne man vermeiden, indem man Pflanzen vor dem Kauf prüfe und möglichst keine exotischen Pflanzen kaufe. Grünschnitt und Erde sollten unbedingt nur an den dafür vorgesehenen Sammelstellen entsorgt werden und nicht in der Natur.

Unerlässlich sei ein Monitoring: „Gehen Sie mit offenen Augen durch Ihren Wohnort, achten Sie auf Nester und Ameisenstraßen“, so Dr. Haas. Besonders die Anwohner seien dabei gefragt. „Bekämpfen Sie nicht die einheimischen Arten, lassen Sie vor konkreten Maßnahmen lieber eine Bestimmung der Art vornehmen“, appellierte der Biologe.

Björn Kleinlogel gab ebenfalls einige Tipps zur Bekämpfung der Ameise. Er bezeichnete die Heißwasser-Schaum-Methode als „sehr effektiv“ und empfahl, dass sich Nachbarn zusammenschließen könnten, um gemeinsam einen Heißwasser-Hochdruckreiniger zu kaufen. Nötig sei dafür allerdings ein Starkstromanschluss. Gut kombinierbar mit Wasser sei der Einsatz von Fadenwürmern. Giftige Köder seien eher für den Hausgebrauch geeignet.

In der anschließenden Fragerunde nutzten zahlreiche Gäste aus dem Publikum die Gelegenheit, offene Fragen zu klären oder ihre persönlichen Erfahrungen bei der Bekämpfung der Großen Drüsenameise mit den Anwesenden zu teilen.
Mehr Informationen zum Thema und die Checkliste als Bestimmungshilfe gibt es auf der Homepage der Stadt unter www.walldorf.de/nachhaltigkeit/spalte-2/invasive-arten/grosse-druesenameise.