31.07.2026, Startseite
Einmal Himmel und zurück
Die Solisten Sascha Kleinophorst und Kerstin Bauer begeistern gemeinsam mit dem SAP Sinfonieorchester das Publikum in der voll besetzten Astoria-Halle. Foto: Helmut Pfeifer
Mitreißendes Benefizkonzert des SAP Sinfonieorchesters für den Hospiz-Förderverein
Die Stimmung ist den ganzen Abend über bestens, gegen Ende wird sie regelrecht euphorisch: Natürlich werden als Zugaben die – im positiven Sinne – „Rausschmeißer“ gespielt, die so gut wie alle 900 Menschen in der Astoria-Halle zum Mitklatschen animieren. Kerstin Bauer und Sascha Kleinophorst teilen sich die Strophen von Neil Diamonds „Sweet Caroline“, den extrem eingängigen Refrain singt das Publikum gerne mit. Und Dirigent Markus Neumeyer und sein SAP Sinfonieorchester haben auch nach mehr als zwei Stunden Schwerstarbeit nichts von ihrem Schwung verloren. Den bewahren sie sich für den finalen Song des Abends: „YMCA“ von den Village People, in den fast fünfzig Jahren seit seiner Veröffentlichung (1978) vom cleveren Popsong zum Partyhit und einer Mitmach-Hymne gewachsen. Stehend klatschen die Besucher den Rhythmus lautstark mit und das kultige Formen der Buchstaben „Y-M-C-A“ mit den Armen haut immerhin bei einigen recht gut hin. Ein stimmungsvoller Abschluss für ein wieder einmal starkes Konzert, das seinem Motto „Heaven is a Place on Earth“ alle Ehre macht. Auf dem musikalischen Weg von der Erde zum Himmel und zurück dürfen sich alle mitgenommen fühlen.
Nur auf die „ganz besondere Atmosphäre des Bäderparks“ (Zitat aus dem Jahr 2022) müssen die Fans des SAP Sinfonieorchesters allerdings mindestens weitere zwölf Monate warten. Denn zum vierten Mal hintereinander spielt das Wetter beim geplanten Konzert auf der Seebühne im AQWA leider nicht mit und die Benefizveranstaltung für den Förderverein Hospiz Agape muss einmal mehr in die Astoria-Halle verlegt werden – dieses Mal wegen der angekündigten Hitze. Die Halle ist mit 900 Besucherinnen und Besuchern natürlich dennoch bis auf den letzten Platz belegt. „Schade. Draußen hätten wir bestimmt noch hundert Karten verkaufen können“, bedauert Hartmut Beck, der zweite Vorsitzende des Vereins. Vermutlich sogar einige mehr, denn die Crossover-Konzerte des Orchesters mit Gesangssolisten und Rockband bürgen für höchste Qualität, stehen auch ohne die „besondere Atmosphäre“ für beste Unterhaltung, könnten allerdings auf der zwei Jahren eigens für beliebte Veranstaltung vergrößerten Seebühne noch das Tüpfelchen auf dem „I“ einheimsen.
Beck zeigt sich in seiner Begrüßung trotzdem „überwältigt“ vom vollen Haus und „dankbar, dass wir wieder in Walldorf zu Gast sein dürfen“. Das SAP Sinfonieorchester mit seinem Geschäftsführer Christian Stumpf sei „ein toller Partner unseres Vereins“. Daneben dankt Beck besonders der Stadt Walldorf, den Stadtwerken und alle Besuchern. „Sie geben uns die Möglichkeit, das Hospiz Agape zu unterstützen und das Angebot aufrechtzuerhalten.“ Er weist auf den kommenden Tag der offenen Tür im Hospiz in Wiesloch hin, der am Samstag, 20. September, von 10 bis 16 Uhr stattfinden wird. Bürgermeister Matthias Renschler heißt das Publikum als Hausherr in der Astoria-Halle „herzlich willkommen“. Er freut sich über „ein weiteres Highlight in unserem Jubiläumsjahr“ zu 125 Jahren Stadtrechte und auf „ein wunderbares Konzert“. Renschlers Dank gilt neben dem Förderverein und dem Orchester vor allem den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Hospiz „für die anspruchsvolle Arbeit“. Davor habe er „Hochachtung und Respekt“. Orchester-Chef Christian Stumpf wünscht „ganz viel Spaß“ und bewirbt gleich den nächsten Auftritt in Walldorf: am Sonntag, 10. Januar, beim Neujahrskonzert, erneut in der Astoria-Halle.
Musikalisch eröffnet die Orgel den Abend, ihr „Toccata“ geht direkt in die Titelmelodie der Science-Fiction-Serie „Star Trek: The Next Generation“ aus der Feder von Jerry Goldsmith über. Das ist galaktisch gut und schon früh stellt sich der Eindruck ein, dass passend zum Motto „Heaven is a Place on Earth“ beim Crossover-Konzert einmal mehr nur der Himmel die Grenze sein könnte. In Orchesterfassungen – verantwortlich für die Arrangements ist mit Michael Strecker ein Mitglied des Ensembles – gewinnt so mancher vermeintlich harmlose Popsong deutlich an Glanz: In „It’s a Sin“ (Pet Shop Boys) sind die ursprünglichen Synthesizer-Fanfaren dank der Bläser mit einer schier unheimlichen Wucht präsent, in „Like a Prayer“ (Madonna) darf sich das komplette Orchester austoben. „Burning Heart“ (Survivor) aus dem Film „Rocky IV“ ist dank viel Pathos und seinem pumpenden Rhythmus perfekt für die ganz große Instrumentierung geeignet, das schon im Original schmachtende „(I Just) Died in Your Arms“ (Cutting Crew) wird von der ersten Note an zum Dahinschmelzen interpretiert – und das ist nicht allein den Temperaturen geschuldet, die sich in der voll besetzten Halle inzwischen denen im Freien angeglichen haben.
Ein echter Hingucker zwischen all den akustischen Genüssen ist Dirigent Neumeyer: Den hält es kaum auf seinem Podest, er würde wohl am liebsten über die Bühne tanzen und vermittelt den Eindruck eines nur mühsam gebändigten Flummis. Schön, so viel Leidenschaft zu erleben. Die überträgt er auf sein Orchester und direkt in die nächsten Songs: „Bridge over troubled Water“ (Simon & Garfunkel), in dem die Musiker Kerstin Bauers wunderschöne Stimme erst angemessen sanft untermalen, ehe sie dann ab der zweiten Strophe mächtigere Geschütze auffahren – über die sich der Gesang dennoch setzt. Im ersten Duett des Abends widerlegen Sascha Kleinophorst und Kerstin Bauer dann Schauspieler Richard Gere, der über „Up where we belong“ (Joe Cocker und Jennifer Warnes) aus dem Film „Ein Offizier und ein Gentleman“ (1982) gesagt haben soll, es sei ihm „zu kitschig“. Gerade das passt ja bestens zum Orchester, das im Wohlklang schwelgen darf.
Das Konzert bietet zu viele Highlights, um sie alle zu nennen: Die Titelmelodie von „Das Boot“ des im vergangenen Oktober verstorbenen Klaus Doldinger sticht aber hervor: Nach dem ruhig-bedrohlichen Einstieg übernehmen die Streicher das Zepter, das Schlagwerk steuert einen betont monotonen Rhythmus bei, der auch Galeerensträflinge beim Rudern antreiben könnte, und die Bläser setzen Jagdfanfaren-ähnliche Farbtupfer – und plötzlich gehen alle gemeinsam auf wilde Fahrt durch die Untiefen des Meers, werden analog zur U-Boot-Schleichfahrt im Angesicht des Feindes ruhiger, legen dann aber turbulent zusammen los und variieren das bekannte Thema gekonnt. Stark.
In „Kyrie“ (Mr. Mister) fliegen die Bögen über die Saiten der Violinen, beim titelgebenden „Heaven is a Place on Earth“ (Lisa Stansfield) lässt sich das Publikum gerne zum Mitklatschen animieren und mit Stücken wie „Komet“ (Udo Lindenberg und Apache 207) oder dem Acid-House-Hit „Infinity“ (Guru Josh) belegt das Orchester seine Bandbreite und Anpassungsfähigkeit an die unterschiedlichsten Musikgenres. Immer wieder amüsant die Ansagen der beiden Solisten – zu „Infinity“ schwelgt Kleinophorst launig in Disco-Erinnerungen aus seiner Jugend. Das Saxofon prägt „Careless Whisper“ (George Michael), beim aus dem Film „Sister Act“ bekannten „I will follow him“ (Peggy March) vervollständigen die beiden Background-Sängerinnen Anastasiia Mandurivska und Clara John den vierstimmigen Chor und in „Summer of 69“ (Bryan Adams) verbindet sich melodischer Rock mit emotionalem Orchesterklang.
In Abwandlung des Konzertmottos, das uns sagen will, dass wir das Paradies auch auf der Erde finden können, möchte man in Anerkennung der Leistung aller Beteiligten Shakespeares Hamlet zitieren: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, Horatio, als eure Schulweisheit sich träumt.“
(Armin Rößler)