06.11.2026, Startseite

Lachgas als Unruhestifter und ein grüner Laser-Korkenzieher

Die Akteure des zweiten Walldorfer Science Slam: (v.li.) Moderatorin Christine Brinkmann, Daniel Trippe, Florian Dinger, Florian Bienert und Bürgermeister Matthias Renschler. Foto: Stadt Walldorf

Der zweite Walldorfer Science Slam präsentiert Wissenschaft spannend und unterhaltsam

„Es gibt nicht den einen Ansatz, der alle Probleme löst“, sagt Dennis Gref. Der Agrarwissenschaftler aus Bayern ist beim zweiten Walldorfer Science Slam einer von gleich drei Teilnehmern, die sich in ihren ebenso unterhaltsamen wie aufschlussreichen Vorträgen Gedanken um die Welt von morgen und die Ernährung der Menschheit machen. Und so kann, wie er selbst meint, nicht nur sein eigener Lösungsansatz dazu beitragen, diese künftige Welt lebenswert zu erhalten, sondern ebenso die Ideen seiner Vorredner. Das Publikum in der Astoria-Halle hat Gref nicht nur damit überzeugt: Die gut 300 Menschen spenden ihm den lautstärksten, am längsten anhaltenden Applaus und küren ihn so zum Sieger des Abends.

„Wissenschaft findet in Walldorf ein begeistertes Publikum. Erst recht, wenn sie verständlich, unterhaltsam und mit einer guten Portion Humor auf die Bühne kommt“, sagt Bürgermeister Matthias Renschler schon in seiner Begrüßung. Sein Dank gilt Fachbereichsleiterin Alena Müller und ihrem Team des Fachdiensts Umwelt im Rathaus, den erfahrenen Organisatoren von „Science & Stories“, vertreten durch Lena Krutsch und Moderatorin Christine Brinkmann, sowie dem Abiturjahrgang des Gymnasiums, der sich ums leibliche Wohl der Gäste kümmert. Dem Publikum wünscht der Bürgermeister „einen unterhaltsamen Abend, überraschende Erkenntnisse und viel Freude beim Staunen und Mitdenken“. Dazu gibt es beim Science Slam, einem wissenschaftlichen Kurzvortragswettbewerb, in dem Forschende ihre eigenen Projekte in jeweils knackigen zehn Minuten auf der Bühne präsentieren, dann auch jede Menge Gelegenheit.

Der spätere Sieger Dennis Gref ist als Letzter der vier Slammer an der Reihe. Er erklärt, wie unvollständige Nährstoffkreisläufe in der Landwirtschaft zu schädlichen Stickstoffausträgen führen. Als Lösungsansatz präsentiert er die Präzisionslandwirtschaft, bei der Satellitendaten genutzt werden, um eine teilflächenspezifische Düngung zu ermöglichen und Überschüsse zu minimieren. Klingt trocken, wird aber sehr lebendig präsentiert. Ein Beispiel: Grefs anschauliche Beschreibung des Klimawandels: „Die Temperatur sagt, wie doll die Teilchen wackeln“, meint er mit Blick auf Atome und Moleküle. Distickstoffmonoxid, volkstümlich als Lachgas bekannt, habe einen „ausgeprägten Bewegungsdrang“ und stifte „Unruhe“ – es entstehe durch Stickstoffdüngung und Tierhaltung, verursache massive Umwelt- und Klimaschäden und baue sich nur sehr langsam wieder in der Atmosphäre ab. Als pauschalen Hebel empfiehlt Gref: „Weniger Tiere essen.“

Der Physiker und Meteorologe Florian Dinger macht sich in seinem Vortrag „Licht, Luft und Liebe – Eine Ernährungsberatung für die Zukunft“ Gedanken über alternative Lösungen für eine künftige Lebensmittelknappheit. Im aktuellen System sieht er „Pestizide, Wasser- und Flächenverbrauch, Treibhausgase“. „Wir müssen radikal etwas am System ändern“, sagt Dinger. Statt mit den klassischen, aber ressourcenintensiven Methoden zeigt er, wie energiereiche Nahrung in Zukunft auf effektivere Weise hergestellt werden könnte: Ähnlich wie künstlich gefertigte Kraftstoffe (E-Fuels) könne man Zucker, Speisestärke und Speisefette vollsynthetisch industriell produzieren. „Die NASA will ihre Marskolonie genau damit versorgen“, sagt Dinger. Er sieht eine „Industrie, die der Landwirtschaft überlegen“, effizienter und ressourcenschonender ist. Aktuell scheitere das noch an den Kosten: Das Kilo synthetischer Zucker koste in der Herstellung einen Euro. Bei „biogenem Zucker“ zahle man aber im Supermarkt „nur die erste Rate“, mahnt Dinger: Die großen Kosten zeigten sich im Klimawandel.

Eine etwas undankbare Aufgabe übernimmt zum Start in den Abend Daniel Trippe, der kurzfristig für eine erkrankte Kollegin eingesprungen ist. In Walldorf hat er bereits vergangenes Jahr seine Überlegungen zum Thema „Vertical Farming – die Zukunft der Landwirtschaft?“ vorgestellt. Er schafft es aber, seinem Vortrag darüber, wie Pflanzen in Regalen ohne Erde und Sonnenlicht wachsen und welche technischen Chancen und Hürden dahinterstecken, neue Facetten hinzuzufügen. Man könne, so Trippe, einerseits „ganzjährig Pflanzen mit hoher Qualität produzieren“. Das „erkaufe“ man sich aber mit hohem Einsatz von Energie, unter anderem für LED-Beleuchtung und Klimatisierung. „Deshalb muss man genau hinschauen, was sinnvolle Gebiete sind“, sagt er und hat deshalb beispielsweise Heilpflanzen als lohnend auf dem Schirm.

Aus dem Rahmen fällt der Vortrag „Der stärkste Doppel-Korkenzieher der Welt“ von Florian Bienert. Der Physiker, der die Eigenschaften von Laserstrahlen untersucht, will mit dem titelgebenden Korkenzieher nämlich keineswegs die passenden Getränke zu den Ernährungstipps seiner Kollegen beisteuern. Ihm geht es stattdessen darum, komplexe physikalische Phänomene aus der Lasertechnologie verständlich zu erklären. Über die Frage „Was ist Licht?“, der Einordnung von Goethes Farbenlehre als in dieser Hinsicht „völliger Bullshit“ und der für einen Wissenschaftler schmerzlichen Erkenntnis, dass „für den größten Teil des Spektrums tatsächlich ein Alu-Hut“ helfe, sich vor seinen schädlichen Auswirkungen zu schützen, kommt er zum Laser: In einer anschaulichen Versuchsanordnung packt Bienert einen Kristall mit acht Atomen zwischen zwei Spiegel und aktiviert mit Blitzlampen die Atome: „Am Ende kommt ordentlich Power raus“, so der Physiker. Je größer der Kristall, je geringer die Frequenz zwischen den Blitzen („wir machen das eine Milliarde Mal pro Sekunde an und aus“), desto größer die Leistung. Bienert landet bei 1,9 Gigawatt – der doppelte Stromverbrauch des Saarlands. Er manipuliert das Licht, sodass sich seine Wellenfronten korkenzieherartig verwinden. Dann schickt er den Laser noch durch einen Lithiumtriborat-Kristall, der die Frequenz verdoppelt, sodass grünes Laserlicht entsteht. Anwendungsgebiete sieht der Physiker in der Materialbearbeitung oder Messtechnik, aber auch im Beschuss von Weltraumschrott oder der Drohnenabwehr. „Als optische Pinzette kann man damit ultraschnell Zellen sortieren“, sagt er. Und, ja, tatsächlich könne man auch eine Flasche Wein damit öffnen – „wir müssen aber aufpassen, dass der Laser nicht durchschießt“.

Florian Bienert landet am Ende in der Gunst des Publikums nur knapp hinter Sieger Dennis Gref, der die goldenen Boxhandschuhe als ersten Preis mit nach Hause nehmen darf. Das ist beim Science Slam aber natürlich nicht das Wichtigste: Alle vier Wissenschaftler haben ihre spannenden Themen unterhaltsam präsentiert, Denkanstöße vermittelt und den Zuhörern den einen oder anderen neuen Impuls mitgegeben. Dafür gibt’s noch mal ordentlich Applaus.